2022 war in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Jahr. Denn 2022 kulminierten bestimmte Entwicklungen, die sich schon viele Jahre lang abgezeichnet hatten und nur in ihrer Steigerung und massiven Wirkung eine neue Sicht auf Probleme des Klimawandels, der Weltwirtschaft und gesellschaftlicher Konventionen herausforderten. Der Klimawandel mit extremer Dürre, Wassermangel und großflächigen Bränden, die gefeierte Wirtschaftserholung nach der Corona-Pandemie mit Rekordwerten beim Ausstoß von CO₂ und der Ukraine-Krieg, der in der Europäischen Union nicht mit entschlossener Abwehr des Aggressors, sondern mit der beschämenden Debatte darum einherging, wie wir denn nun zu ausreichend Erdgas kommen sollten.
Der Sommer des Jahres 2022 machte die Folgen der Erwärmung in Europa unmittelbar sichtbar; deutlicher, als wir es bis dahin zu erwarten gewohnt waren. Hitze und Dürre prägten weite Teile des Kontinents, Flüsse führten außergewöhnlich wenig Wasser, in den Alpen verloren die Gletscher in kurzer Zeit enorme Eismassen. Die Prognosen der Klimaforschung schienen erstmals so deutlich Realität zu werden, dass wir gezwungen waren, davon Notiz zu nehmen und gleichzeitig anzuerkennen, dass der Klimawandel noch deutlich rascher auf unser Leben, unseren Komfort und unsere Sicherheit Einfluss nimmt. Gleichzeitig begann mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ein Krieg, der nicht nur die Sicherheitsordnung Europas erschütterte, sondern auch vorführte, wie abhängig unsere Gesellschaften weiterhin von fossiler Energie, globalen Lieferketten und politisch fragilen Versorgungssystemen waren.
2022 jährte sich auch die Veröffentlichung von „Die Grenzen des Wachstums“ zum fünfzigsten Mal. Anlass, den Bericht und die Updates dazu zu lesen und zur Kenntnis zu nehmen, wie aktuell der Ansatz dieser Studie selbst nach fünfzig Jahren geblieben war. Seine Wirkung lag für mich weniger in einzelnen Zahlen als in der Systematik: Bevölkerung, Produktion, Ressourcenverbrauch, Nahrungsmittel, Verschmutzung und zeitverzögerte Reaktionen wurden nicht als getrennte Probleme behandelt, sondern als Teile eines gemeinsamen Systems.
Ich erinnerte mich dabei an das Jahr 1972. Ich war zwölf Jahre alt und hörte meinen Vater begeistert über den Bericht sprechen. Für ihn war offenbar wichtig, dass Wissenschaftler endlich öffentlich infrage stellten, dass unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten kein dauerhaft tragfähiges Modell sein kann. Ich verstand damals wenig davon. Der „Club of Rome“ war für mich eine seltsame Bezeichnung, und ich stellte ihn mir als eine jener vornehmen Gesellschaften aus Abenteuerromanen vor, etwa den Londoner Reform Club in Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“, in dem Phileas Fogg seine Wette abschließt. Erst ein halbes Jahrhundert später las ich im Detail, worüber damals gesprochen worden war, und verstand, dass „Die Grenzen des Wachstums“ über Jahrzehnte hinweg einschränkend und damit missverständlich rezipiert worden waren.
Diese Feststellung verschiebt die Perspektiven auf das wesentliche Problem unserer Zeit. Es geht nicht um die Frage: Was wissen wir heute über den Klimawandel? Sondern: Seit wann konnten wir bestimmte Dinge wissen – und warum haben wir die verfügbaren Argumente nie wirklich umfassend zu einer kohärenten Erkenntnis verbunden und danach gehandelt?
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage, die über Klimaforschung hinausgeht: Was können wir wissen? Wissen bedeutet nicht Gewissheit. Wissenschaft liefert Messreihen, Modelle, Wahrscheinlichkeiten und begründete Schlussfolgerungen. Gerade weil die Zukunft nie vollständig bekannt ist, müssen wir entscheiden, welches Risiko ernst genug ist, um vor Eintritt des Schadens zu handeln.
Die Geschichte des Wissens
1824. Joseph Fourier beschrieb die wärmerückhaltende Wirkung der Atmosphäre. 1859 zeigte John Tyndall experimentell, dass unter anderem Wasserdampf und Kohlendioxid Wärmestrahlung absorbieren. 1896 berechnete Svante Arrhenius quantitativ, wie eine Veränderung der CO₂-Konzentration die globale Temperatur beeinflussen kann. Diese Erkenntnisse waren noch keine Klimapolitik. Aber der physikalische Mechanismus, auf dem unser heutiges Wissen beruht, war damit lange vor dem Zeitalter moderner Klimamodelle grundsätzlich bekannt.
1938. Guy Stewart Callendar verband den bereits beobachtbaren Temperaturanstieg mit der zunehmenden CO₂-Konzentration und der Verbrennung fossiler Energieträger. 1941 bezeichnete Hermann Flohn die Tätigkeit des Menschen ausdrücklich als Klimafaktor und diskutierte die Möglichkeit einer globalen, vom Menschen verursachten Klimaänderung. Spätestens hier ging es nicht mehr nur um eine theoretische Eigenschaft von Gasen, sondern um die Folgen menschlicher Tätigkeit.
1957. Roger Revelle und Hans Suess zeigten, dass die Ozeane das zusätzlich freigesetzte Kohlendioxid nicht einfach und vollständig aufnehmen würden. 1958 begann Charles David Keeling mit den kontinuierlichen CO₂-Messungen am Mauna Loa. Von da an konnte der Anstieg der atmosphärischen CO₂-Konzentration unmittelbar verfolgt werden. 1965 warnte der wissenschaftliche Beirat des amerikanischen Präsidenten offiziell vor einer menschengemachten Veränderung des Klimas und vor erheblichen möglichen Folgen. Auch das war übrigens noch keine wirksame Klimapolitik. Denn der Beirat von Lyndon B. Johnson, das President’s Science Advisory Committee, sagte zentrale Phänomene und Folgen steigender atmosphärischer CO₂-Konzentrationen mit erstaunlicher Genauigkeit voraus; seine Empfehlungen waren aus heutiger Sicht jedoch inadäquat und fanden auch nicht den Weg in die konkrete Politik der USA.
1972. „Die Grenzen des Wachstums“ war keine Klimaprognose im heutigen Sinn. Die Bedeutung des Berichts lag in einem anderen Gedanken: Er behandelte wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen als miteinander verbundenes System und fragte, was geschieht, wenn exponentielles Wachstum auf physische Grenzen trifft. Besonders wichtig war die Rolle der Verzögerung. Ein System kann Grenzen überschreiten, lange bevor die Folgen dieses Überschreitens vollständig sichtbar werden. Wer erst reagiert, wenn der Schaden unübersehbar geworden ist, reagiert möglicherweise zu spät.
Das ist der Punkt, an dem die Geschichte des Wissens zur Geschichte des Handelns werden sollte. Eine Warnung ist nicht deshalb bedeutungslos, weil sie kein exaktes Datum für eine spätere Krise nennen kann. Im Gegenteil: Ihr Sinn besteht gerade darin, Entscheidungen und Handeln zu ermöglichen, bevor der genaue Ablauf bekannt und die Krise unüberwindlich geworden ist.
1979. Der Charney-Bericht bestätigte den zentralen Zusammenhang und bezifferte die wahrscheinliche Erwärmung bei einer Verdopplung des atmosphärischen CO₂ in einer Größenordnung, die den heutigen Abschätzungen erstaunlich nahekommt. 1988 wurde der Weltklimarat gegründet. 1992 folgte die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, 1997 das Kyoto-Protokoll, 2015 das Pariser Abkommen. Die wissenschaftliche Frage, ob menschliche Emissionen das Klima verändern, war längst zu einer politischen Frage geworden.
Damit verschiebt sich auch die Möglichkeit, sich später auf Unwissen zu berufen. Fourier konnte die industrielle Entwicklung des 20. Jahrhunderts nicht kennen. Arrhenius konnte weder den globalen Flugverkehr noch die Massenmotorisierung vorhersagen. Die Autoren von 1972 wussten nicht, welche Technologien fünfzig Jahre später verfügbar sein würden. Aber mit jedem Jahrzehnt wurde es schwieriger zu behaupten, die wesentlichen Tendenzen der Entwicklung seien unbekannt.
Von Information zu Wissen
2020. Die Pandemie brachte den stärksten Rückgang der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen seit Jahrzehnten. Nicht Klimapolitik hatte ihn verursacht, sondern der Stillstand von Verkehr, Produktion und gesellschaftlichem Leben. Die Chance, die Corona-Pandemie zu nutzen, um entscheidende Fortschritte bei der Lösung des Klimaproblems zu erreichen, wurde vertan. Bereits 2021 war der überwiegende Teil des verzeichneten Emissionsrückgangs aufgeholt; 2022 erreichten die energiebedingten CO₂-Emissionen erneut einen Höchststand. In den Folgejahren stiegen die Werte weiter an und werden auch in absehbarer Zukunft weiter steigen.
Betrachten wir die globale Emissionskurve über die vergangenen 80 Jahre, so erkennen wir nur einzelne Dellen in der sich stetig nach oben bewegenden Kurve steigender Emissionswerte: die Ölkrisen der 1970er-Jahre, die Finanzkrise 2008/09, die Pandemie. Dauerhafte, durch Klimapolitik ausgelöste globale Rückgänge sind dagegen kaum zu erkennen. Jede Krise senkte kurzfristig den Ausstoß; mit der wirtschaftlichen Erholung wurde der Rückgang rasch wieder aufgeholt.
Daraus folgt nicht, dass nur Krisen oder Lockdowns Emissionen senken können. Es folgt aber eine unbequeme empirische Beobachtung: Die bisherige Kombination aus technischem Fortschritt, Effizienz, wachsender erneuerbarer Energie, internationalen Vereinbarungen bei gleichzeitig fortgesetztem Wirtschaftswachstum hat bis heute keinen dauerhaften globalen Rückgang der CO₂-Emissionen hervorgebracht.
Gerade deshalb war das Jahr 2022 so aufschlussreich. Nach den Lockdowns wurde die Rückkehr zur „Normalität“ überall als Erfolg verstanden: wieder reisen, wieder produzieren, wieder konsumieren, wieder wachsen. Steigende Passagierzahlen, mehr Verkehr oder steigende Umsätze waren Zeichen der Erholung. Aus klimapolitischer Sicht bedeutete dieselbe Erholung jedoch, dass ein wesentlicher Teil der während der Pandemie eingesparten Emissionen sofort wieder zurückkehrte. Ein und dieselbe Entwicklung konnte gleichzeitig als wirtschaftlicher Erfolg und als ökologisches Problem gelesen werden.
Vielleicht liegt ein wesentlicher Teil unseres Dilemmas genau darin. Wir verfügen über große Mengen an Information, sind aber offensichtlich nicht in der Lage, daraus kausale Zusammenhänge für tragfähige Lösungsansätze herzustellen. Aus intellektueller Redlichkeit, Verantwortung und Vorsicht im Umgang mit Daten muss zwischen Information und Wissen, Meinung, zurückhaltender Vermutung und gewagter These unterschieden werden. Dennoch sollten wir uns erlauben, unsere Vorstellungskraft wirken zu lassen und plausible, wenn auch nicht optimistische Prognosen und Zusammenhänge zuzulassen und in unsere strategischen Überlegungen ernsthaft zu integrieren. Wenn wir warten, bis jedes Detail geklärt ist, ist es für Lösungen längst zu spät.
Die Asymmetrie der Gewissheit
Beim Klimawandel beobachten wir seit Jahrzehnten eine merkwürdige Asymmetrie. Je unangenehmer die Konsequenzen einer Erkenntnis wären, desto höher wird der verlangte Beweisstandard. Ist wirklich sicher, dass die Erwärmung so stark ausfällt? Ist wirklich sicher, dass Rückkopplungen die Entwicklung verstärken? Ist wirklich sicher, dass sich Extremereignisse häufen? Ist wirklich sicher, dass wir unser Wirtschaften grundlegend verändern müssen?
Beruhigende Annahmen werden häufig weniger streng geprüft. Die Technik werde eine Lösung finden. Der Markt werde reagieren. CO₂ könne später wieder aus der Atmosphäre geholt werden. Ein bestimmtes Klimaziel sei noch erreichbar. Erneuerbarer Strom werde die fossilen Energieträger ersetzen, ohne dass sich an unserem materiellen Lebensmodell grundsätzlich etwas ändern müsse. Solche Aussagen können Möglichkeiten beschreiben. Problematisch werden sie dort, wo aus einer Möglichkeit stillschweigend eine Wahrscheinlichkeit und aus dieser Wahrscheinlichkeit eine politische Gewissheit wird.
Man könnte von einer Asymmetrie der Gewissheit sprechen: Warnungen müssen sich bis ins Letzte beweisen. Beruhigungen dürfen plausibel klingen.
Diese Asymmetrie hat mehrere Ursachen. Wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle, ebenso politische Zweckmäßigkeit und institutionelle Trägheit. Hinzu kommt Bequemlichkeit. Gegenwärtiger Komfort ist konkret, zukünftiger Schaden abstrakt. Menschen nehmen leichter Informationen an, die mit ihrem bisherigen Lebensstil vereinbar sind. Aber selbst das erklärt nicht alles.
Wir sind an das bestehende Modell nicht nur emotional gebunden. Arbeitsplätze, Staatseinnahmen, Pensionen, Unternehmen, Kreditmärkte und große Teile unserer sozialen Sicherheit beruhen auf wirtschaftlicher Aktivität und Wachstum. Wir klammern uns deshalb nicht bloß aus Gedankenlosigkeit an Konsum und Produktion. Wir klammern uns an ein System, von dem wir abhängig sind, selbst wenn wir erkennen können, dass seine materielle Logik Teil des Problems ist. Vielleicht ähnelt unsere Lage tatsächlich einem Schiffbrüchigen, der sich an ein Stück des zerbrochenen Schiffes klammert: Die Planke wird ihn nicht an Land bringen, aber im Moment ist sie das Einzige, was ihn über Wasser hält.
Gerade diese Abhängigkeit begünstigt Rettungsnarrative. Wenn die Grundstruktur nicht infrage gestellt werden soll, muss immer wieder eine Möglichkeit gefunden werden, sie mit der Hoffnung auf Lösung zu verbinden. Ein Klimaziel bleibt erreichbar, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Wird es überschritten, kann die Überschreitung später wieder rückgängig gemacht werden. Reicht die Emissionsminderung nicht, sollen technische Verfahren CO₂ abscheiden und aus der Atmosphäre entfernen. Neue Technologien sollen ermöglichen, dass sich am grundlegenden Muster von Produktion und Konsum möglichst wenig ändern muss. Ob und wann solche Versprechen tragen, ist eine andere Frage. Für unser Denken ist zunächst entscheidend, welche Funktion sie erfüllen: Sie erlauben uns, den Blick auf die Zukunft zu beruhigen, ohne die Gegenwart grundlegend verändern zu müssen.
Das Muster ist nicht auf den Klimawandel beschränkt. 2008 habe ich es in einem anderen Zusammenhang erlebt. Ich bin weder Finanzwissenschaftler noch Börsenexperte. Aber aus allgemein zugänglichen Berichten über den amerikanischen Immobilienmarkt, die Überschuldung des Landes, nicht zuletzt aufgrund der Kriegskosten im Irak und in Afghanistan, sowie die daraus resultierenden Spannungen im Finanzsystem der USA verdichtete sich für mich im Frühjahr 2008 ein Bild: Ein schwerer Zusammenbruch der Börsen und des Finanzwesens war möglich und vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen durchaus plausibel.
Manager einer österreichischen Großbank, mit denen ich darüber sprach, reagierten mit Kopfschütteln und Gelächter. Dennoch verkaufte ich im Mai 2008 die Wertpapiere, die ich damals besaß, den Warnungen der Bankexperten vor einem verlustreichen Fehler zum Trotz. Ich konnte nicht wissen, dass Lehman Brothers am 15. September Konkurs anmelden würde. Ich musste es auch nicht wissen. Die entscheidende Frage war, ob ein schwerer Zusammenbruch des Bankwesens vernünftigerweise ausgeschlossen werden konnte. Das konnte er nicht.
Nach der Krise klang vieles trotzdem so, als sei eine Naturkatastrophe über die Finanzwelt hereingebrochen. „Damit konnte niemand rechnen“ ist eine praktische Formel. Sie verwandelt Fehleinschätzung in Schicksal und entlastet von der Frage, welche Warnsignale vorhanden waren und warum man sie nicht miteinander verbunden hatte.
Der Sinn des Worst Case
Hier liegt auch der Sinn des Worst Case. Der Worst Case ist keine Prognose. Er behauptet nicht, dass das ungünstigste denkbare Szenario eintreten wird. Er ist ein Denk- und Planungsmodell. Ein Statiker dimensioniert ein Tragwerk nicht ausschließlich für die durchschnittliche Belastung. Hochwasserschutz orientiert sich nicht am durchschnittlichen Wasserstand. Eine Versicherung kalkuliert nicht nur den durchschnittlichen Tag ohne Schaden. Wo das mögliche Versagen gravierende Folgen haben würde, muss ein ungünstiger, aber plausibler Verlauf Teil der Planung sein.
Für den Klimawandel bedeutet das: Die Frage, ob eine bestimmte Temperatursteigerung im Jahr 2100 statistisch am wahrscheinlichsten ist, darf nicht die einzige Frage sein. Für vorsorgendes Handeln ist sie im Grunde auch nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, welche schlechteren Entwicklungen vernünftigerweise nicht ausgeschlossen werden können – und ob unsere Städte, Infrastrukturen, Landwirtschaft, Wasserversorgung, Energieversorgung und gesellschaftlichen Institutionen unter solchen Bedingungen noch funktionieren. Manchmal ist es einfach sinnvoll, eins und eins zusammenzuzählen.
Das Nachdenken über einen ungünstigen Verlauf schadet auch dann nicht, wenn die tatsächliche Entwicklung milder ausfällt. Eine Stadt, die auf stärkere Hitze, längere Trockenperioden, Starkregen und Versorgungsstörungen vorbereitet ist, wird mit weniger extremen Veränderungen umgehen können. Worst-Case-Denken ist deshalb kein Katastrophismus. Es ist eine Methode, Robustheit herzustellen.
Ebenso wenig muss man ein bestimmtes extremes Klimaszenario zum „wahrscheinlichsten“ erklären. Der Ausdruck „Business as usual“ ist hier ohnehin weniger als technische Bezeichnung für ein einzelnes Modell interessant als in seinem wörtlichen Sinn: Wir machen im Wesentlichen weiter wie bisher. Gerade dafür spricht eine enorme gesellschaftliche Trägheit. Morgen wird es kein völlig neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell geben. Konsum, Mobilität, Produktion und Energiebedarf werden nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Diese Trägheit gehört daher selbst zu den Risiken, die man in einem Worst-Case-Denken berücksichtigen muss.
Zurück zu 2022
2022. An diesem Punkt kehrt die Argumentation zu ihrem Ausgang zurück. Die Hitze, die Dürre und die außergewöhnlichen Gletscherverluste waren ein Teil des Bildes. Der Krieg in der Ukraine war ein weiterer. Er machte aus einer längst bestehenden Abhängigkeit von fossilen Energieträgern plötzlich eine Sicherheitskrise und zwang Staaten zu Entscheidungen, bei denen kurzfristige Versorgungssicherheit mit langfristigen Klimazielen kollidierte.
Auch das Stromsystem zeigte seine Verletzlichkeit. Niedrige Wasserstände beeinträchtigten die Wasserkraft. In Österreich brach beispielsweise die Produktion von Flusskraftwerken temporär um etwa ein Drittel ein. In erneuerbare Energien wurde zwar massiv investiert, sie hätten aber die Verluste bei Weitem nicht kompensieren können.
Und dann ist da noch die CO₂-Emissionskurve. Wie wir gesehen haben, stieg sie rasch wieder weiter und bis heute weit über den Wert von 2019, vor der Pandemie. Das ist zwar kein Beweis dafür, dass eine Energiewende grundsätzlich unmöglich wäre. Es ist aber ein starker Hinweis darauf, dass die bisherige Form der Transformation noch keinen empirischen Nachweis geliefert hat, die globale Entwicklung schnell genug und dauerhaft umzukehren.
Man konnte 2022 nicht wissen, welche globale Durchschnittstemperatur im Jahr 2100 erreicht sein wird. Auch heute wissen wir das nicht. Man konnte auch nicht wissen, welche Rückkopplungen in welchem Ausmaß wirksam werden, wie sich Kriege, Migration, politische Instabilität oder technologische Entwicklungen gegenseitig beeinflussen werden. Man musste auch nicht behaupten, ein bestimmtes Worst-Case-Szenario werde mit Sicherheit eintreten.
Aber man konnte und kann etwas anderes wissen: Wir haben trotz eines außergewöhnlich großen Wissensbestands keine bereits funktionierende, global wirksame Strategie vorzuweisen, die die Emissionskurve dauerhaft nach unten bringt. Und wir haben gute Gründe anzunehmen, dass die notwendigen Veränderungen weit tiefer reichen könnten als der Austausch einzelner Energieträger oder Technologien.
Das ist für mich die entscheidende Erkenntnis des Jahres 2022.
Nicht: Wir wussten, welche Katastrophe kommen wird. Sondern: Wir wussten genug, um die Möglichkeit massiver Disruptionen ernst nehmen zu müssen. Und wir wussten genug, um nicht darauf vertrauen zu dürfen, dass die Zukunft automatisch innerhalb jener Bandbreite bleibt, die für unsere heutige Lebensweise maßgeblich oder gar bequem wäre.
Die Frage, die bleibt
Damit verändert sich die Frage. Sie lautet nicht mehr nur: Wie verhindern wir jede denkbare Verschärfung des Klimawandels? Sie lautet auch: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, die überleben und funktionieren kann, wenn sich die Entwicklung ungünstiger vollzieht, als wir hoffen?
Diese Frage ist weniger beruhigend als ein Rettungsversprechen. Aber sie ist möglicherweise ehrlicher.
Was wir wissen können, ist immer weniger als die Wirklichkeit.
Aber es ist oft genug, um Verantwortung zu begründen.
Quellen und weiterführende Literatur
- IPCC, Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Kapitel 1 – zur Entwicklung der Klimawissenschaft und den physikalischen Grundlagen seit Fourier.
- IPCC, Climate Change 2007: The Physical Science Basis, Kapitel 1 – historische Übersicht zu Fourier, Tyndall, Arrhenius, Callendar sowie Revelle und Suess.
- Umweltbundesamt Deutschland, „Klima und Treibhauseffekt“ – zu Callendar (1938), Hermann Flohn (1941), den CO₂-Messungen 1957/58, Keeling (1958), der Warnung des US-Präsidentenbeirats 1965 und Villach 1985.
- NOAA Global Monitoring Laboratory – zur Entstehung und Bedeutung der kontinuierlichen CO₂-Messungen am Mauna Loa ab 1958.
- Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens III, „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ (1972), sowie Donella H. Meadows, Jørgen Randers und Dennis L. Meadows, „Grenzen des Wachstums – Das 30-Jahre-Update. Signal zum Kurswechsel“ (deutsche Ausgabe 2006; englisches Original 2004) – zur Systemperspektive, zu Wachstumsgrenzen, Overshoot und zeitverzögertem Handeln.
- National Research Council / Jule Charney et al., Carbon Dioxide and Climate: A Scientific Assessment (1979) – zur frühen Abschätzung der Klimasensitivität.
- UNFCCC – zur Klimarahmenkonvention 1992, zum Kyoto-Protokoll 1997 und zum Pariser Abkommen 2015.
- IEA, Global Energy Review 2021, sowie CO₂ Emissions in 2022 – zum Emissionsrückgang 2020, zum Wiederanstieg 2021 und zum neuen Höchststand 2022.
- IEA, Global Energy Review 2026, Abschnitt „CO₂ Emissions“ – zur weiteren Entwicklung der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen bis einschließlich 2025.
- Copernicus Climate Change Service, Seasonal review: Europe’s record-breaking summer (2022) – zu Hitze, Dürre, Bodenfeuchte und außergewöhnlich niedrigen Pegelständen der Flüsse in Europa.
- Austrian Power Grid (APG), „Trockenheit reduziert Stromproduktion aus Wasserkraft um 31 Prozent“, 25. August 2022 – zu den Auswirkungen der Dürre auf die österreichische Wasserkraftproduktion im Sommer 2022.
- IEA, World Energy Outlook 2022 – zu den energie- und sicherheitspolitischen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine und zu den kurzfristigen Rückgriffen auf fossile Energieträger.
- International Monetary Fund, Global Financial Stability Report, April 2008, sowie Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report, 2011 – zu den damals bereits erkennbaren systemischen Finanzrisiken und den später dokumentierten Warnsignalen.
Literarische Leseempfehlung
- Ian McEwan, „Was wir wissen können“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2025 (Original: „What We Can Know“, Jonathan Cape, London 2025) – ein literarischer Blick aus dem Jahr 2119 auf eine durch Klimafolgen veränderte Welt und auf die Frage, was spätere Generationen über unsere Gegenwart wissen können.
