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  • Wunschdenken und Realität

    Klimaszenarien, Technikversprechen und der Fall Kronstorf

    Wir verfügen heute über ein außerordentlich umfangreiches Wissen über den Klimawandel. Wir kennen die physikalischen Zusammenhänge, beobachten die steigenden Temperaturen, messen die Konzentration der Treibhausgase und dokumentieren die Veränderungen von Gletschern, Flüssen, Böden, Wäldern und Meeren. Wir kennen auch die Größenordnung der Aufgabe: Soll die Erwärmung begrenzt werden, müssen die globalen Treibhausgasemissionen in sehr kurzer Zeit massiv sinken.

    Trotzdem wird in der öffentlichen Kommunikation immer wieder vermittelt, dass wir zur Bewältigung der Krise keinen Beitrag leisten müssten. Wir bleiben auf dem Pfad des Wachstums, der Wirtschaft und des Konsums. So wird nicht das Bild einer Gesellschaft vermittelt, die mit hoher Geschwindigkeit auf ein schwer beherrschbares, existenzielles Problem zuläuft, sondern das einer Gesellschaft, die sich einer grundsätzlich lösbaren Aufgabe gegenübersieht, für die bereits die richtigen Instrumente bereitstünden. Man müsse die beschlossenen Maßnahmen nur konsequent umsetzen, die richtigen Technologien fördern, die richtigen Investitionen tätigen und die vorgegebenen Ziele einhalten. Dann werde die Emissionskurve fallen. Und an Wohlstand, Gesundheit, Wachstum und Sicherheit werde sich nichts ändern.

    Um diese Vorstellung zu nähren, werden Szenarien aus der Klimawissenschaft bemüht, deren Fakten und Voraussetzungen aber grundlegend umgedeutet. Das Problem beginnt dort, wo aus wissenschaftlichen Bedingungen, Modellrechnungen und Zielpfaden in der politischen und medialen Vermittlung eine Erzählung über eine wahrscheinliche Zukunft wird, die sich bei kritischer Prüfung als äußerst unwahrscheinlich herausstellt. Dann wird aus dem Satz „Die Emissionen müssten bis 2035 um 55 Prozent sinken“ in der Wahrnehmung leicht: „Wir werden die Emissionen bis 2035 um 55 Prozent senken.“ Damit stellt sich die Frage nach der intellektuellen und politischen Redlichkeit in der Klimadebatte.

    Die Kurve, die fallen soll

    Klimadiagramme zeigen häufig eine vertraute Form. Links verläuft eine gemessene Kurve aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Rechts wird sie in mehreren farbigen Linien fortgesetzt. Die Linien stehen für Szenarien. Manche steigen, andere verlaufen flacher, die ambitioniertesten knicken abrupt nach unten weg, bis hin zum Status “Netto-Null” oder “Klimaneutralität”. Problem gelöst.

    Grafisch wirkt das selbstverständlich. Die Linie kommt aus der Vergangenheit und setzt sich in die Zukunft fort. Die Infografik soll auf einen Blick bestimmte Pfade der Krisenbewältigung verdeutlichen. In der Interpretation dieser eingängigen Diagramme geschieht jedoch etwas völlig anderes: Aus Modellrechnung wird Gewissheit. Aus theoretischen Pfadverläufen werden konkrete Entwicklungslinien. Dabei beschreibt der linke Teil zwar, was wir aus der Vergangenheit wissen und belegen können. Der rechte wird dagegen zum Beleg der Erreichbarkeit eines bestimmten Wunschziels umgedeutet.

    Die Kurve fällt also nicht, weil die Emissionen fallen. Sie fällt, weil sie fallen soll.

    Die reale Entwicklung sieht bislang anders aus. Laut dem Global Carbon Project werden die globalen fossilen CO₂-Emissionen für 2025 auf rund 38,1 Milliarden Tonnen geschätzt – erneut ein historischer Höchststand. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hält gleichzeitig fest, dass die jährlichen Treibhausgasemissionen für einen mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbaren Pfad bis 2035 gegenüber 2019 um rund 55 Prozent sinken müssten. Unter den derzeit tatsächlich umgesetzten politischen Initiativen liegt die Projektion der durchschnittlichen globalen Erwärmung bis 2100 hingegen bei ungefähr 2,8 Grad.

    Dabei darf nicht übersehen werden, dass dieser Durchschnittswert regional drastisch überschritten werden kann: So verzeichnen die Alpen durch kontinentale und topografische Effekte schon heute einen Temperaturanstieg von über 3 Grad. Außerdem sollten wir das Problem der Rückkopplungen und der Kipppunkte, die wir kaum korrekt modellieren können, stärker berücksichtigen. Für eine seriöse Risikoabschätzung müssen wir daher auch jene Entwicklungen mitdenken, die der Weltklimarat als „low-likelihood, high-impact outcomes“ beschreibt. Sie markieren keine physikalische Obergrenze, wohl aber einen Risikoraum, den wir nicht ausblenden dürfen. Gleichzeitig zeigen die systemischen World3-Szenarien (BAU/BAU2) des MIT bis heute eindringlich, dass ein ungebremstes „Weiter-wie-bisher“ in Overshoot-und-Collapse-Verläufe führen kann, wenn sich Ressourcen-, Umwelt- und Versorgungskrisen gegenseitig verstärken.

    Der blinde Fleck der Linearität

    Die Crux moderner Risikoanalysen liegt in ihrer methodischen Vorsicht. Um wissenschaftlich unangreifbar zu bleiben, neigen offizielle Berichte oft dazu, komplexe Erdsystemprozesse linear und isoliert zu betrachten. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Natur kein mechanisches Uhrwerk ist, das auf politischen Knopfdruck anhält. Die geophysikalische und geopolitische Wirklichkeit ist geprägt von nichtlinearen Dynamiken und unvorhersehbaren Kaskadeneffekten: Der ungebremste Boom ressourcenintensiver Schlüsseltechnologien wie der Künstlichen Intelligenz treibt beispielsweise den globalen Strombedarf in unvorhergesehene Höhen, und das beschleunigte Auftauen von Permafrostböden droht die Natur selbst von einer Kohlenstoffsenke in eine gigantische Emissionsquelle zu verwandeln. Wer Risiken managen will, darf nicht nur vom linearen Regelfall ausgehen, sondern muss die Systemgrenzen in den Blick nehmen.

    Unterschiedliche Zahlen und Projektionen aus Modellrechnungen und Klimaszenarien widersprechen einander nicht zwangsläufig – aber sie erzählen zwei vollständig verschiedene Geschichten. Die eine beschreibt die beobachtete Wirklichkeit, die andere die theoretische Voraussetzung dafür, ein politisch gesetztes Klimaziel überhaupt noch einhalten zu können, respektive den Rahmen des Risikos, den uns die fortschreitende Verschmutzung der Atmosphäre, der Böden und der Meere setzt. Problematisch wird es, wenn diese Unterscheidung in der öffentlichen und politischen Kommunikation verschwindet.

    Gerade in den Jahren vor und um 2022 war die Formulierung weit verbreitet, das 1,5-Grad-Ziel sei noch „in Reichweite“, sofern die notwendigen Maßnahmen umgesetzt würden. Gleichzeitig war aus den Berichten von UNEP und UNFCCC längst bekannt, dass weder die nationalen Zusagen noch die tatsächlich umgesetzten Maßnahmen dafür ausreichten. Beides konnte damals gleichzeitig wahr sein: Das Ziel war unter extrem anspruchsvollen Bedingungen mathematisch noch modellierbar – während sich die reale Entwicklung bereits auf einem völlig anderen Pfad bewegte.

    Die Wahrheit des Gesamtbildes

    Täuschung muss nicht darin bestehen, dass einzelne Zahlen falsch sind. Sie kann auch dadurch entstehen, dass viele richtige Einzelinformationen zu einem falschen Gesamtbild zusammengesetzt werden. Ein Ziel ist richtig berechnet. Eine technische Maßnahme funktioniert. Eine neue Anlage ist effizienter als eine alte. Eine Photovoltaikanlage erzeugt tatsächlich erneuerbaren Strom. Ein Unternehmen kann seinen Stromverbrauch bilanziell mit erneuerbarer Energie abdecken. Jede dieser Aussagen kann für sich genommen stimmen – und trotzdem kann die Summe der richtig erscheinenden Maßnahmen den Ressourcenverbrauch und die Emissionen weiter erhöhen.

    Genau hier liegt das Kommunikationsproblem: Wir sprechen gerne über Effizienz, aber seltener über den absoluten Ressourcenverbrauch. Wir sprechen über den Anteil erneuerbarer Energien, aber weniger darüber, wie stark der gesamte Energiebedarf wächst. Wir sprechen über Klimaneutralität in einem zukünftigen Jahr, immer mit der Suggestion im Hintergrund, wir hätten noch ein Emissionsbudget, das wir verbrauchen können. Was wir allerdings nicht zur Kenntnis nehmen, ist die Tatsache, dass die globalen Emissionen bislang nicht sinken und aus der bisherigen Entwicklung kein Rückgang in naher Zukunft abzulesen ist. Zugleich fantasieren wir über technologische Lösungen, ohne uns bewusst zu machen, dass auch diese zusätzliche Ressourcen benötigen werden.

    Das ist keine Kritik daran, dass Szenarien gerechnet oder technologische Möglichkeiten untersucht werden. Wissenschaft muss Möglichkeiten beschreiben. Politik muss Ziele formulieren. Problematisch wird es, wenn Möglichkeit, Ziel und wahrscheinliche Entwicklung in der Kommunikation unscharf ineinanderfließen. Dann entsteht aus einer Wenn-dann-Aussage das Narrativ einer verfälschenden Beruhigung: Es gibt einen Weg, also werden wir ihn vermutlich gehen.

    Auch die Wissenschaftskommunikation ist von diesem Problem nicht ausgenommen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden für politische Prozesse verkürzt, in Zielpfade übersetzt und auf Botschaften reduziert, die handlungsfähig machen sollen. Das ist teilweise notwendig. Es stellt sich aber die Frage, ob dabei jene kritische Distanz verloren geht, die für eine realistische Einschätzung der Lage entscheidend wäre. Die heutige Kommunikationsstruktur belohnt Aussagen, die politisch anschlussfähig sind – und lässt sie leichter zirkulieren als das ehrliche Bekenntnis, dass ein gesetztes Ziel aufgrund der realen Entwicklung schlicht nicht mehr erreichbar ist.

    Technik als Rettungserzählung

    Der Optimismus der Klimakommunikation beruht häufig auf einer stillen Voraussetzung: Das bestehende Wirtschafts- und Wachstumsmodell soll im Wesentlichen fortbestehen können. Lediglich die Energiequelle wird getauscht, um Prozesse effizienter zu gestalten. Der Verkehr wird elektrifiziert, die Industrie dekarbonisiert. Wir sanieren unsere Gebäude und setzen auf erneuerbare Energien. Das wird in der politischen Kommunikation mit dem Versprechen „grüner Jobs“ verbunden. Gleichzeitig entstehen allerdings neue Anwendungen, neue Produkte, neuer Konsum und Infrastrukturen, die wiederum massiv Energie und Rohstoffe benötigen.

    Die gegenwärtige Erzählung von der Künstlichen Intelligenz macht diesen Widerspruch besonders sichtbar. KI wird einerseits als Werkzeug zur Lösung komplexer Probleme beworben – gleichsam als Rettungsmythos nach dem Verfehlen der Pariser Klimaziele. Andererseits benötigt sie Rechenzentren und damit Energiemengen, Stromnetze, Wasser, Bauflächen und technische Anlagen in einer Größenordnung, die selbst zu einem neuen Infrastrukturproblem werden.

    2026 liegen österreichweit bereits Netzanschlussanfragen von Rechenzentren mit einer Leistung von über 6.000 Megawatt vor. Diese Anschlussleistung könnte bei entsprechender Realisierung und unter Berücksichtigung der für Rechenzentren typischen, sehr hohen Auslastung (ca. 60 bis 90 % der Zeit) einen konkreten Stromverbrauch von rund 29 bis 48 Terawattstunden pro Jahr bedeuten. Die Rechenzentren würden dann allein 43 % bis 72 % des gesamten aktuellen österreichischen Stromverbrauchs verschlingen. Selbst wenn nur ein Teil dieser Projekte realisiert wird, fordert dieser immense Hunger nach Energie das System fundamental heraus und macht das Narrativ von der gelingenden Bewältigung der Klimakrise und vom Ausstieg aus fossilen Energien unglaubwürdig.

    Die Größenordnung, in der neuer Strombedarf angemeldet wird, verändert eine wesentliche Perspektive, mit der wir auf die Klimakrisenbewältigung blicken müssen. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob Österreich rein rechnerisch genügend erneuerbaren Strom erzeugen kann. Es geht vielmehr darum, wofür dieser Strom in Zukunft verwendet werden soll – und wer darüber entscheidet.

    Der Fall Kronstorf

    Das Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf ist für diese Frage ein aufschlussreicher Fall. In der aktuellen Auseinandersetzung zu diesem Projekt ist der erhebliche Verbrauch von Boden, Strom und Wasser zwar entscheidend. Aufschlussreich im Kontext der Kommunikation von Umweltproblemen ist jedoch auch, wie ein Projekt dieser Größenordnung öffentlich begründet und von den politischen Entscheidungsträgern argumentiert wird: nicht als Krisenfall für Natur und Energieversorgung, sondern als Investition in die Zukunft, als Stärkung des Technologiestandorts und als wirtschaftlicher Gewinn für die Region.

    Wie die ORF-Dokumentation „Dok1: Google an der Enns – Der Streit ums Rechenzentrum“ von Hanno Settele verdeutlicht, erweisen sich diese Versprechen in wesentlichen Punkten als Wunschdenken. In Bezug auf Umweltverträglichkeit, Wertschöpfung und die Verhandlungen mit Google zeigt der Film die Intransparenz auf, mit der Projekte dieser Art an den Interessen der Menschen vorbei durchgesetzt werden. Was über Gutachten, Grundstücksverkauf und Genehmigungen bekannt wird, wirft die Frage auf, ob öffentliche Interessen, Gemeinwohl und regionale Versorgungssicherheit gegenüber den Interessen des Konzerns ausreichend eigenständig vertreten wurden.

    Durch das Rechenzentrum werden weder der angedachte Technologie-Campus noch in größerem Ausmaß Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung entstehen, meinen Experten gegenüber Hanno Settele. Auch bei der Abwärmenutzung ist die technische Möglichkeit zwar vorgesehen; Umfang, konkrete Abnehmer und tatsächlicher regionaler Nutzen sind jedoch offen.

    Clemens Wasner, Mitgründer und CEO des Wiener KI-Unternehmens enliteAI und in AI Austria engagiert, formuliert den entscheidenden Unterschied sehr klar: das Investitionsvolumen ist nicht mit lokaler Wertschöpfung gleichzusetzen. Ein Rechenzentrum ist für global agierende Firmen von Bedeutung, macht aber die Standortgemeinde selbst nicht unbedingt zu einem Zentrum technologischer Wertschöpfung. Nach der Realisierung des Bauwerks bleiben einzelne Arbeitsplätze vor Ort. Die Leistung der Anlage selbst, die darauf aufbauenden Dienste sowie der überwiegende Teil der daraus entstehenden wirtschaftlichen Erträge gehören dagegen zur Wertschöpfung des Betreibers. Die räumliche Nähe zu einer großen Serverhalle allein ist für Start-ups, Forschungseinrichtungen und neue Unternehmen kein hinreichender Standortfaktor; sie siedeln sich nicht allein deshalb in einer Region an, weil dort ein Hyperscaler Rechenleistung bereitstellt. Dafür bräuchte es eine komplexere Strategie der regionalen Entwicklung, durch die Wissen, Unternehmen und wirtschaftliche Aktivitäten tatsächlich am Standort verankert werden.

    Das Versprechen vom „Technologiestandort“ lässt sich damit im Fall von Kronstorf als Extraktionsmodell lesen.

    Wasner zieht im Film an dieser Stelle einen bemerkenswerten Vergleich mit dem Bergbaukonzern Rio Tinto. Er verweist damit auf bestimmte Strategien der globalen Rohstoffwirtschaft: Rohstoffe werden dort gewonnen, wo man der Bevölkerung vor Ort aufgrund von strukturellen Schwächen, politischer Korruption, autoritären Machtverhältnissen Landschaftseingriffe, Ressourcenverbrauch und ökologische Belastungen aufzwingen kann, während ein erheblicher Teil der nachgelagerten Wertschöpfung anderswo stattfindet.

    Auf Kronstorf übertragen setzt sich der „Rohstoff“ aus Boden, Wasser, elektrischer Energie und Netzkapazität zusammen. Diese Voraussetzungen sind unvermeidlich lokal. Der daraus entstehende ökonomische Mehrwert ist es nicht. Genau deshalb reicht es nicht, die Milliardenhöhe einer Investition als Beleg für einen regionalen Nutzen anzuführen. Entscheidend wäre vielmehr, welcher Teil dieses Nutzens langfristig als Einkommen, Steuereinnahmen, Wissen, Unternehmensgründungen und wirtschaftliche Eigenständigkeit in der Region verbleibt.

    Damit erhält auch die Kommunikationsfrage eine andere Dimension. Wenn von einer „Stärkung der Region“ oder einem neuen „Technologiestandort“ gesprochen wird, müsste gleichzeitig offengelegt werden, worin diese Stärkung konkret besteht und wie sie sich gegenüber dem dauerhaften Zugriff auf Boden, Wasser, Energie und Infrastruktur bemisst. Andernfalls kann das positive Zukunftsbild gerade jene Asymmetrie verdecken, die für das Projekt entscheidend sein dürfte: Die materiellen Voraussetzungen werden lokal bereitgestellt, die wesentliche wirtschaftliche Verwertung findet jedoch anderswo statt.

    Extraktivismus: Der Ort als Ressource

    Extraktivismus bezeichnet ein Wirtschaftsmodell, das auf der intensiven Entnahme und Verwertung von Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen beruht. In Lateinamerika wird der Begriff seit Langem für großmaßstäblichen Bergbau, Erdölförderung und andere Formen der Ressourcenausbeutung verwendet, lässt sich aber weiter fassen. Auch die industrialisierte Ausbeutung von Fischbeständen für globale Exportmärkte kann unter diesem Begriff betrachtet werden. Gemeint ist eine Wirtschaftsweise, die einen Ort vor allem danach bewertet, was sich ihm entnehmen lässt. Naomi Klein, die den Begriff in „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ (2014) prominent aufgriff, nennt die pazifische Insel Nauru als drastisches Beispiel: Phosphat wurde großflächig abgebaut und exportiert, während die ökologische Zerstörung auf der Insel zurückblieb.

    Der von Wasner verwendete Rio-Tinto-Vergleich überträgt diese Logik auf die asymmetrische Beziehung zwischen dem Google-Konzern und dem Land Oberösterreich: Der Standort stellt knappe, physisch gebundene Ressourcen bereit; die höherwertige Nutzung dieser Ressourcen ist räumlich entkoppelt und Teil einer globalen Ökonomie. Der Boden wird versiegelt, Wasser dem Flusssystem der Enns entnommen, elektrische Leistung und Netzinfrastruktur werden für einen einzelnen Großverbraucher verfügbar gemacht. In welchem Ausmaß daraus dauerhafte ökologische Schäden entstehen, ist Gegenstand der Auseinandersetzung mit der kritischen Öffentlichkeit. Unstrittig ist hingegen, dass die Inanspruchnahme von Boden, Wasser, elektrischer Leistung und Netzinfrastruktur am Standort erfolgt, während die daraus entstehende digitale Wertschöpfung nicht an Kronstorf gebunden ist.

    Kronstorf lässt sich als Spielart von postfossilem Extraktivismus interpretieren, bei dem es nicht um den Abbau jener schmutzigen Rohstoffe geht, deren ökologische Folgen wir in der Regel dem Globalen Süden aufbürden, sondern um Ausbeutung von Ressourcen und Infrastruktur zum Vorteil der Tech-Industrie, deren Geschäftsmodell im Kontext von KI mit der Rettungserzählung zum Klimawandel verknüpft wird. Damit wird die Option einer technischen Lösung des Klimaproblems zum notwendigen und entscheidenden Argument. Verschwiegen wird allerdings, dass die Investition in keinem nachvollziehbaren, vernünftigen Verhältnis zu jenen Ressourcen steht, die dadurch auf Jahrzehnte gebunden und unwiederbringlich verändert werden.

    In Bezug auf die politische Kultur in Oberösterreich stellt sich damit eine weiterführende Frage: Beginnt der extraktive Vorgang nicht bereits vor der Versiegelung von Boden, der Entnahme von Wasser oder dem Verbrauch von Strom, sondern mit der politischen Entscheidung, einen Ort, seinen Boden und seine Infrastruktur für eine solche Nutzung verfügbar zu machen? Entscheidend ist dann, in welchem Maß Gemeinwohlinteressen, ökologische Grenzen und langfristige regionale Bedürfnisse in dieser Entscheidung tatsächlich Gewicht erhalten.

    Raumplanung als Vorstufe der Extraktion

    Das Gelände in Kronstorf wurde bereits lange vor dem heutigen Baubeginn als Betriebsgebiet vorgesehen. Wie bei vielen Betriebs- und Gewerbeflächen in den Randzonen ländlicher Gemeinden sind die Entscheidungsgrundlagen der Raumplanung kritisch zu hinterfragen und langfristige Vorentscheidungen auf ihre aktuelle Relevanz zu prüfen. Das Raumordnungsrecht wird dabei immer wieder zum Spielfeld partikularer Interessen, Spekulation, Korruption und politischer Kurzfristlogik. Ein Beschluss hinter verschlossenen Türen kann die Bedeutung und Funktion des Bodens grundlegend verändern: Aus Ackerland wird eine für industrielle oder gewerbliche Nutzung vorgehaltene Fläche. Jahre später wird die konkrete Bebauung dann als selbstverständlich und rechtmäßig argumentiert – der Boden sei schließlich längst dafür gewidmet. Eine direkte Zustimmung der betroffenen Bevölkerung ist nicht vorgesehen. Entscheidungen fallen zu oft im Sinne der Wachstumslogik von Wirtschaft und Industrie, kaum im Sinne von Nachhaltigkeit, Qualität der gebauten Umwelt und generationenübergreifendem Denken.

    Gerade deshalb lohnt es sich, Raumplanung nicht nur als technisches Verwaltungsverfahren zu betrachten. Sie umfasst die Festlegung von Zukunftsmöglichkeiten. Entscheidungen dieser Tragweite ohne Berücksichtigung von Gemeinwohl, Naturschutz und Nachhaltigkeit sind fahrlässig. Bei großmaßstäblichen Projekten stellt sich die Frage, ob Widmungsprozesse jene demokratische Auseinandersetzung zulassen, die der Tragweite solcher Entscheidungen entspricht.

    Kronstorf lässt sich damit auch als Beispiel für ein strukturelles Versagen von Raumplanung und Ortsentwicklung lesen: Betriebsansiedlungen gelten grundsätzlich als Erfolg, während Bodenverbrauch, zusätzlicher Verkehr, Infrastrukturfolgen und langfristige Abhängigkeiten erst nachgeordnet bewertet werden. Das ist ein anachronistisches Konzept. Seit Jahrzehnten entstehen in vielen österreichischen Gemeinden an Ortsrändern neue Betriebs- und Handelsflächen. Zersiedelung, Verkehrsprobleme, Zerstörung von Landschaft und landwirtschaftlicher Böden sind die Folge, während die Ortszentren veröden. Die kommunale Konkurrenz um Betriebsansiedlungen begünstigt strukturell eine Form von Flächenverbrauch, deren ökologische und räumliche Folgen nicht dort bilanziert werden, wo die wirtschaftlichen Vorteile erscheinen. Mit bewusster Ortskernentwicklung versucht man inzwischen gegenzusteuern, um die längst bekannten Fehlentwicklungen zurückzunehmen.

    Wer verfügt über die Zukunft?

    Solange genügend Energie vorhanden ist, erscheint ein neuer Großverbraucher bloß als technische Herausforderung des Netzausbaus. Auch das stellt ein ungelöstes Problem im Kontext von Genehmigungen, Zumutbarkeit und Teilhabe an Entscheidungsprozessen dar. Wer wird entscheiden, welche Schneisen in die Landschaft rund um Kronstorf geschlagen werden, um für die erforderlichen Kapazitäten an Energie die entsprechende Infrastruktur zu installieren?

    Und wer entscheidet, ob das Rechenzentrum in Kronstorf nicht doch auch ein eigenes Kraftwerk braucht? Da wir vorhaben, praktisch zeitgleich alles vom Verkehr bis zu privatem und industriellem Energiebedarf auf erneuerbare Quellen umzurüsten, bleibt abzuwarten, wie wir die notwendigen Kapazitäten bereitstellen, wenn neben der Versorgung konventioneller Verbraucher auch immer neue digitale Infrastrukturen zusätzliche Nachfrage erzeugen.

    Es ist denkbar, dass die über Jahrzehnte kollektiv finanzierten Netze in absehbarer Zukunft zunehmend von industriellen Großverbrauchern beansprucht werden, während privaten Haushalten gleichzeitig nahegelegt wird, ihren Verbrauch zu reduzieren und einen wachsenden Teil ihres Bedarfs selbst zu erzeugen. Nicht weil jemand diesen Zustand heute ausdrücklich plant, sondern weil Investitionen von heute und wirtschaftliche Abhängigkeiten morgen eine politische Realität formen können, die uns eine Priorisierung von Ressourcen aufzwingt. Das ist keine Prognose, sondern ein Gedankenexperiment über die Prioritäten, die heutige Infrastrukturentscheidungen für morgen festschreiben können. Wenn Energie in Zukunft knapp oder saisonal nur begrenzt verfügbar sein sollte: Was hat dann Priorität? Haushalte? Krankenhäuser? Öffentlicher Verkehr? Industrie? Rechenzentren? Und nach welchen Kriterien werden diese Prioritäten festgelegt?

    Der Ausbau des Stromnetzes ist für den Bau einer postfossilen Infrastruktur notwendig. Aber daraus folgt nicht, dass jede zusätzliche Nachfrage automatisch denselben gesellschaftlichen Rang besitzt. Zukunftsfähigkeit verlangt daher nicht nur eine Debatte darüber, ob ein Anschluss technisch möglich ist, sondern welche Nutzungen einer knappen Ressource gesellschaftlich sinnvoll sind.

    Die eigentliche Kommunikationskrise

    Die Klimakommunikation erzählt uns häufig von einer Zukunft, in der Wachstum, steigender Energiebedarf, Digitalisierung und Klimaneutralität gleichzeitig möglich sein sollen. Für jedes einzelne Problem gibt es eine technische Antwort: mehr erneuerbare Energie, leistungsfähigere Netze, effizientere Rechenzentren, bessere Kühltechnik, Abwärmenutzung, Ausgleichsflächen. Was dabei selten sichtbar und kritisch geprüft wird, ist die Größenordnung an erneuerbarer Energie, die wir zur Verfügung haben müssen, um diese Pläne umzusetzen.

    Vielleicht besteht die eigentliche Schönfärberei deshalb nicht in einer offensichtlich falschen Behauptung. Sie besteht in einer Kommunikationsform, die jede Entwicklung für sich optimiert und dadurch die Systemfrage vermeidet. Eine neue Anlage kann effizient sein und den absoluten Stromverbrauch trotzdem erhöhen. Eine Ausgleichsfläche kann ökologisch gestaltet sein und eine Bodenversiegelung trotzdem nicht rückgängig machen. Ein Klimaziel kann mathematisch erreichbar sein und politisch trotzdem immer weiter außer Reichweite geraten.

    Wir lassen uns dadurch eine Zukunft erzählen, in der bei isolierter Betrachtung technischer Lösungen keine Widersprüche mehr sichtbar werden. Vielleicht müssen wir stattdessen wieder lernen, Probleme gleichzeitig und in ihren Wechselwirkungen zu betrachten.

    Was wir wissen können, war die Frage des ersten Beitrags. Die nächste Frage lautet: Was machen wir mit diesem Wissen, wenn zwischen der Wirklichkeit und unserer Vorstellung von ihr eine immer aufwendigere Erzählung gelegt wird?

    Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe einer ehrlichen Klimakommunikation, Unterschiede sichtbar zu machen: zwischen Ziel und Entwicklung, zwischen Effizienz und Verbrauch, zwischen lokalem Nutzen und globaler Wertschöpfung, zwischen technischer Möglichkeit und gesellschaftlicher Priorität.

    Erst wenn diese Unterschiede sichtbar sind, können wir über Zukunft sprechen, ohne sie uns vorweg schönzureden.

    Quellen und weiterführende Literatur

    Onlinequellen zuletzt geprüft am 23. September 2026.

    • UN Environment Programme (UNEP), Emissions Gap Report 2025: Off Target, 4. November 2025 – zu den für 2035 erforderlichen Emissionsminderungen (35 % für 2 °C, 55 % für 1,5 °C gegenüber 2019) und zur Temperaturprojektion von rund 2,8 °C unter derzeitigen Politiken. Online
    • Friedlingstein et al., Global Carbon Budget 2025, Earth System Science Data 18 (2026) – zur Entwicklung der globalen fossilen CO₂-Emissionen und zur Projektion von 38,1 Gt CO₂ für 2025. Online / DOI
    • GeoSphere Austria, Informationsportal Klimawandel, „Lufttemperatur“ – zur Erwärmung Österreichs seit vorindustrieller Zeit (3,1 °C gegenüber 1,4 °C im globalen Mittel, Stand 2024/25). Online
    • IPCC, Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Summary for Policymakers, Abschnitt C.3.2, sowie Kapitel 5 – zu „low-likelihood, high-impact outcomes“, Kipppunkten und biogeochemischen Rückkopplungen einschließlich Permafrost. SPM · Kapitel 5
    • Gaya Herrington, „Update to limits to growth: Comparing the World3 model with empirical data“, Journal of Industrial Ecology 25 (2021), 614–626, sowie C. Nebel et al., „Recalibration of limits to growth: An update of the World3 model“, Journal of Industrial Ecology (2024) – zu den World3-Szenarien BAU/BAU2, Overshoot und den empirischen Vergleichen. Herrington 2021 · Nebel et al. 2024
    • UNEP, Emissions Gap Report 2022: The Closing Window, 27. Oktober 2022 – zur damals bereits dokumentierten Lücke zwischen tatsächlicher Entwicklung, Klimazusagen und 1,5-Grad-Pfad. Online
    • UNFCCC, Nationally determined contributions under the Paris Agreement. Synthesis report by the secretariat, FCCC/PA/CMA/2022/4, 26. Oktober 2022 – zur Gesamtheit der damals vorliegenden nationalen Klimabeiträge. Online
    • Europäische Kommission, „Statement by European Commission President Ursula von der Leyen on the outcome of COP26“, 15. November 2021 – als Beispiel für die politische Formel, 1,5 °C bleibe „within reach“. Online
    • Forum Versorgungssicherheit, „Datacenter und Digitalisierung: Grundlage für den Betrieb sind starke Netze“, 3. September 2026 – zu Anschlussanfragen für Rechenzentren von fast 6.000 MW bei Netzbetreibern in Oberösterreich, Niederösterreich, Wien und dem Burgenland sowie zur Unsicherheit über deren tatsächliche Realisierung. Online
    • ORF, Dok 1: „Google an der Enns – Der Streit ums Rechenzentrum“, Hanno Settele, Erstausstrahlung 16. September 2026 – zur öffentlichen Auseinandersetzung um Ressourcenverbrauch, Transparenz und regionalen Nutzen des Projekts. Sendungsseite · ORF ON
    • ORF.at, „Debatte über Google-Zentrum verschärft sich“, 17. Juli 2026 – zu Strom- und Wasserbedarf, Umweltfragen und dem Konflikt um die fehlende UVP. Online
    • ORF Oberösterreich, „Anträge auf Google-Ausbau in Kronstorf eingereicht“, 28. Juli 2026 – zur zweiten Ausbaustufe, zur Kommunikation des Ausbaus und zu den Angaben der Landespolitik. Online
    • Clemens Wasner, LinkedIn-Beitrag „AI Austria back on TV: ‘Google an der Enns’ or do we need local compute?“, September 2026 – zur Unterscheidung von Investitionsvolumen und lokaler Wertschöpfung und zur Aussage, dass räumliche Nähe zu einem Rechenzentrum nicht automatisch ein Technologie-Ökosystem schafft. Direkt zum Beitrag
    • Andreas Greilhuber, LinkedIn-Beitrag „EnliteAI CEO comparing Google with Rio Tinto extracting Austrian Energy resources“, September 2026 – als öffentlich auffindbare Bestätigung des im Dok-1-Gespräch verwendeten Rio-Tinto-Vergleichs. Direkt zum Beitrag
    • Google, „Google Rechenzentrum in Oberösterreich“ – Unternehmensangaben zu Arbeitsplätzen, regionaler Wertschöpfung, Energie, Wasser, Ausbau, Nachhaltigkeit und Abwärmenutzung. Projektseite
    • Oö. Raumordnungsgesetz 1994, §§ 33 und 34, tagesaktuelle Fassung – zu Kundmachung und Beteiligung im Gemeindeverfahren sowie zur Beschlussfassung und aufsichtsbehördlichen Genehmigung. § 33 · § 34
    • Umweltbundesamt / ÖROK, Monitoring Flächeninanspruchnahme und Versiegelung – zu Bodenverbrauch, Versiegelung, Betriebsflächen und den raumplanerischen Anforderungen an Innenentwicklung und Schutz produktiver Böden. Umweltbundesamt · ÖROK
    • Naomi Klein, Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima, S. Fischer, Frankfurt am Main 2015 (Original: This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, Simon & Schuster, New York 2014) – zum Begriff des Extraktivismus und zum Beispiel Nauru. Verlagsseite
  • Was wir wissen können

    2022 war in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Jahr. Denn 2022 kulminierten bestimmte Entwicklungen, die sich schon viele Jahre lang abgezeichnet hatten und nur in ihrer Steigerung und massiven Wirkung eine neue Sicht auf Probleme des Klimawandels, der Weltwirtschaft und gesellschaftlicher Konventionen herausforderten. Der Klimawandel mit extremer Dürre, Wassermangel und großflächigen Bränden, die gefeierte Wirtschaftserholung nach der Corona-Pandemie mit Rekordwerten beim Ausstoß von CO₂ und der Ukraine-Krieg, der in der Europäischen Union nicht mit entschlossener Abwehr des Aggressors, sondern mit der beschämenden Debatte darum einherging, wie wir denn nun zu ausreichend Erdgas kommen sollten.

    Der Sommer des Jahres 2022 machte die Folgen der Erwärmung in Europa unmittelbar sichtbar; deutlicher, als wir es bis dahin zu erwarten gewohnt waren. Hitze und Dürre prägten weite Teile des Kontinents, Flüsse führten außergewöhnlich wenig Wasser, in den Alpen verloren die Gletscher in kurzer Zeit enorme Eismassen. Die Prognosen der Klimaforschung schienen erstmals so deutlich Realität zu werden, dass wir gezwungen waren, davon Notiz zu nehmen und gleichzeitig anzuerkennen, dass der Klimawandel noch deutlich rascher auf unser Leben, unseren Komfort und unsere Sicherheit Einfluss nimmt. Gleichzeitig begann mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ein Krieg, der nicht nur die Sicherheitsordnung Europas erschütterte, sondern auch vorführte, wie abhängig unsere Gesellschaften weiterhin von fossiler Energie, globalen Lieferketten und politisch fragilen Versorgungssystemen waren.

    2022 jährte sich auch die Veröffentlichung von „Die Grenzen des Wachstums“ zum fünfzigsten Mal. Anlass, den Bericht und die Updates dazu zu lesen und zur Kenntnis zu nehmen, wie aktuell der Ansatz dieser Studie selbst nach fünfzig Jahren geblieben war. Seine Wirkung lag für mich weniger in einzelnen Zahlen als in der Systematik: Bevölkerung, Produktion, Ressourcenverbrauch, Nahrungsmittel, Verschmutzung und zeitverzögerte Reaktionen wurden nicht als getrennte Probleme behandelt, sondern als Teile eines gemeinsamen Systems.

    Ich erinnerte mich dabei an das Jahr 1972. Ich war zwölf Jahre alt und hörte meinen Vater begeistert über den Bericht sprechen. Für ihn war offenbar wichtig, dass Wissenschaftler endlich öffentlich infrage stellten, dass unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten kein dauerhaft tragfähiges Modell sein kann. Ich verstand damals wenig davon. Der „Club of Rome“ war für mich eine seltsame Bezeichnung, und ich stellte ihn mir als eine jener vornehmen Gesellschaften aus Abenteuerromanen vor, etwa den Londoner Reform Club in Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“, in dem Phileas Fogg seine Wette abschließt. Erst ein halbes Jahrhundert später las ich im Detail, worüber damals gesprochen worden war, und verstand, dass „Die Grenzen des Wachstums“ über Jahrzehnte hinweg einschränkend und damit missverständlich rezipiert worden waren.

    Diese Feststellung verschiebt die Perspektiven auf das wesentliche Problem unserer Zeit. Es geht nicht um die Frage: Was wissen wir heute über den Klimawandel? Sondern: Seit wann konnten wir bestimmte Dinge wissen – und warum haben wir die verfügbaren Argumente nie wirklich umfassend zu einer kohärenten Erkenntnis verbunden und danach gehandelt?

    Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage, die über Klimaforschung hinausgeht: Was können wir wissen? Wissen bedeutet nicht Gewissheit. Wissenschaft liefert Messreihen, Modelle, Wahrscheinlichkeiten und begründete Schlussfolgerungen. Gerade weil die Zukunft nie vollständig bekannt ist, müssen wir entscheiden, welches Risiko ernst genug ist, um vor Eintritt des Schadens zu handeln.

    Die Geschichte des Wissens

    1824. Joseph Fourier beschrieb die wärmerückhaltende Wirkung der Atmosphäre. 1859 zeigte John Tyndall experimentell, dass unter anderem Wasserdampf und Kohlendioxid Wärmestrahlung absorbieren. 1896 berechnete Svante Arrhenius quantitativ, wie eine Veränderung der CO₂-Konzentration die globale Temperatur beeinflussen kann. Diese Erkenntnisse waren noch keine Klimapolitik. Aber der physikalische Mechanismus, auf dem unser heutiges Wissen beruht, war damit lange vor dem Zeitalter moderner Klimamodelle grundsätzlich bekannt.

    1938. Guy Stewart Callendar verband den bereits beobachtbaren Temperaturanstieg mit der zunehmenden CO₂-Konzentration und der Verbrennung fossiler Energieträger. 1941 bezeichnete Hermann Flohn die Tätigkeit des Menschen ausdrücklich als Klimafaktor und diskutierte die Möglichkeit einer globalen, vom Menschen verursachten Klimaänderung. Spätestens hier ging es nicht mehr nur um eine theoretische Eigenschaft von Gasen, sondern um die Folgen menschlicher Tätigkeit.

    1957. Roger Revelle und Hans Suess zeigten, dass die Ozeane das zusätzlich freigesetzte Kohlendioxid nicht einfach und vollständig aufnehmen würden. 1958 begann Charles David Keeling mit den kontinuierlichen CO₂-Messungen am Mauna Loa. Von da an konnte der Anstieg der atmosphärischen CO₂-Konzentration unmittelbar verfolgt werden. 1965 warnte der wissenschaftliche Beirat des amerikanischen Präsidenten offiziell vor einer menschengemachten Veränderung des Klimas und vor erheblichen möglichen Folgen. Auch das war übrigens noch keine wirksame Klimapolitik. Denn der Beirat von Lyndon B. Johnson, das President’s Science Advisory Committee, sagte zentrale Phänomene und Folgen steigender atmosphärischer CO₂-Konzentrationen mit erstaunlicher Genauigkeit voraus; seine Empfehlungen waren aus heutiger Sicht jedoch inadäquat und fanden auch nicht den Weg in die konkrete Politik der USA.

    1972. „Die Grenzen des Wachstums“ war keine Klimaprognose im heutigen Sinn. Die Bedeutung des Berichts lag in einem anderen Gedanken: Er behandelte wirtschaftliche und ökologische Entwicklungen als miteinander verbundenes System und fragte, was geschieht, wenn exponentielles Wachstum auf physische Grenzen trifft. Besonders wichtig war die Rolle der Verzögerung. Ein System kann Grenzen überschreiten, lange bevor die Folgen dieses Überschreitens vollständig sichtbar werden. Wer erst reagiert, wenn der Schaden unübersehbar geworden ist, reagiert möglicherweise zu spät.

    Das ist der Punkt, an dem die Geschichte des Wissens zur Geschichte des Handelns werden sollte. Eine Warnung ist nicht deshalb bedeutungslos, weil sie kein exaktes Datum für eine spätere Krise nennen kann. Im Gegenteil: Ihr Sinn besteht gerade darin, Entscheidungen und Handeln zu ermöglichen, bevor der genaue Ablauf bekannt und die Krise unüberwindlich geworden ist.

    1979. Der Charney-Bericht bestätigte den zentralen Zusammenhang und bezifferte die wahrscheinliche Erwärmung bei einer Verdopplung des atmosphärischen CO₂ in einer Größenordnung, die den heutigen Abschätzungen erstaunlich nahekommt. 1988 wurde der Weltklimarat gegründet. 1992 folgte die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, 1997 das Kyoto-Protokoll, 2015 das Pariser Abkommen. Die wissenschaftliche Frage, ob menschliche Emissionen das Klima verändern, war längst zu einer politischen Frage geworden.

    Damit verschiebt sich auch die Möglichkeit, sich später auf Unwissen zu berufen. Fourier konnte die industrielle Entwicklung des 20. Jahrhunderts nicht kennen. Arrhenius konnte weder den globalen Flugverkehr noch die Massenmotorisierung vorhersagen. Die Autoren von 1972 wussten nicht, welche Technologien fünfzig Jahre später verfügbar sein würden. Aber mit jedem Jahrzehnt wurde es schwieriger zu behaupten, die wesentlichen Tendenzen der Entwicklung seien unbekannt.

    Von Information zu Wissen

    2020. Die Pandemie brachte den stärksten Rückgang der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen seit Jahrzehnten. Nicht Klimapolitik hatte ihn verursacht, sondern der Stillstand von Verkehr, Produktion und gesellschaftlichem Leben. Die Chance, die Corona-Pandemie zu nutzen, um entscheidende Fortschritte bei der Lösung des Klimaproblems zu erreichen, wurde vertan. Bereits 2021 war der überwiegende Teil des verzeichneten Emissionsrückgangs aufgeholt; 2022 erreichten die energiebedingten CO₂-Emissionen erneut einen Höchststand. In den Folgejahren stiegen die Werte weiter an und werden auch in absehbarer Zukunft weiter steigen.

    Betrachten wir die globale Emissionskurve über die vergangenen 80 Jahre, so erkennen wir nur einzelne Dellen in der sich stetig nach oben bewegenden Kurve steigender Emissionswerte: die Ölkrisen der 1970er-Jahre, die Finanzkrise 2008/09, die Pandemie. Dauerhafte, durch Klimapolitik ausgelöste globale Rückgänge sind dagegen kaum zu erkennen. Jede Krise senkte kurzfristig den Ausstoß; mit der wirtschaftlichen Erholung wurde der Rückgang rasch wieder aufgeholt.

    Daraus folgt nicht, dass nur Krisen oder Lockdowns Emissionen senken können. Es folgt aber eine unbequeme empirische Beobachtung: Die bisherige Kombination aus technischem Fortschritt, Effizienz, wachsender erneuerbarer Energie, internationalen Vereinbarungen bei gleichzeitig fortgesetztem Wirtschaftswachstum hat bis heute keinen dauerhaften globalen Rückgang der CO₂-Emissionen hervorgebracht.

    Gerade deshalb war das Jahr 2022 so aufschlussreich. Nach den Lockdowns wurde die Rückkehr zur „Normalität“ überall als Erfolg verstanden: wieder reisen, wieder produzieren, wieder konsumieren, wieder wachsen. Steigende Passagierzahlen, mehr Verkehr oder steigende Umsätze waren Zeichen der Erholung. Aus klimapolitischer Sicht bedeutete dieselbe Erholung jedoch, dass ein wesentlicher Teil der während der Pandemie eingesparten Emissionen sofort wieder zurückkehrte. Ein und dieselbe Entwicklung konnte gleichzeitig als wirtschaftlicher Erfolg und als ökologisches Problem gelesen werden.

    Vielleicht liegt ein wesentlicher Teil unseres Dilemmas genau darin. Wir verfügen über große Mengen an Information, sind aber offensichtlich nicht in der Lage, daraus kausale Zusammenhänge für tragfähige Lösungsansätze herzustellen. Aus intellektueller Redlichkeit, Verantwortung und Vorsicht im Umgang mit Daten muss zwischen Information und Wissen, Meinung, zurückhaltender Vermutung und gewagter These unterschieden werden. Dennoch sollten wir uns erlauben, unsere Vorstellungskraft wirken zu lassen und plausible, wenn auch nicht optimistische Prognosen und Zusammenhänge zuzulassen und in unsere strategischen Überlegungen ernsthaft zu integrieren. Wenn wir warten, bis jedes Detail geklärt ist, ist es für Lösungen längst zu spät.

    Die Asymmetrie der Gewissheit

    Beim Klimawandel beobachten wir seit Jahrzehnten eine merkwürdige Asymmetrie. Je unangenehmer die Konsequenzen einer Erkenntnis wären, desto höher wird der verlangte Beweisstandard. Ist wirklich sicher, dass die Erwärmung so stark ausfällt? Ist wirklich sicher, dass Rückkopplungen die Entwicklung verstärken? Ist wirklich sicher, dass sich Extremereignisse häufen? Ist wirklich sicher, dass wir unser Wirtschaften grundlegend verändern müssen?

    Beruhigende Annahmen werden häufig weniger streng geprüft. Die Technik werde eine Lösung finden. Der Markt werde reagieren. CO₂ könne später wieder aus der Atmosphäre geholt werden. Ein bestimmtes Klimaziel sei noch erreichbar. Erneuerbarer Strom werde die fossilen Energieträger ersetzen, ohne dass sich an unserem materiellen Lebensmodell grundsätzlich etwas ändern müsse. Solche Aussagen können Möglichkeiten beschreiben. Problematisch werden sie dort, wo aus einer Möglichkeit stillschweigend eine Wahrscheinlichkeit und aus dieser Wahrscheinlichkeit eine politische Gewissheit wird.

    Man könnte von einer Asymmetrie der Gewissheit sprechen: Warnungen müssen sich bis ins Letzte beweisen. Beruhigungen dürfen plausibel klingen.

    Diese Asymmetrie hat mehrere Ursachen. Wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle, ebenso politische Zweckmäßigkeit und institutionelle Trägheit. Hinzu kommt Bequemlichkeit. Gegenwärtiger Komfort ist konkret, zukünftiger Schaden abstrakt. Menschen nehmen leichter Informationen an, die mit ihrem bisherigen Lebensstil vereinbar sind. Aber selbst das erklärt nicht alles.

    Wir sind an das bestehende Modell nicht nur emotional gebunden. Arbeitsplätze, Staatseinnahmen, Pensionen, Unternehmen, Kreditmärkte und große Teile unserer sozialen Sicherheit beruhen auf wirtschaftlicher Aktivität und Wachstum. Wir klammern uns deshalb nicht bloß aus Gedankenlosigkeit an Konsum und Produktion. Wir klammern uns an ein System, von dem wir abhängig sind, selbst wenn wir erkennen können, dass seine materielle Logik Teil des Problems ist. Vielleicht ähnelt unsere Lage tatsächlich einem Schiffbrüchigen, der sich an ein Stück des zerbrochenen Schiffes klammert: Die Planke wird ihn nicht an Land bringen, aber im Moment ist sie das Einzige, was ihn über Wasser hält.

    Gerade diese Abhängigkeit begünstigt Rettungsnarrative. Wenn die Grundstruktur nicht infrage gestellt werden soll, muss immer wieder eine Möglichkeit gefunden werden, sie mit der Hoffnung auf Lösung zu verbinden. Ein Klimaziel bleibt erreichbar, wenn wir uns nur genügend anstrengen. Wird es überschritten, kann die Überschreitung später wieder rückgängig gemacht werden. Reicht die Emissionsminderung nicht, sollen technische Verfahren CO₂ abscheiden und aus der Atmosphäre entfernen. Neue Technologien sollen ermöglichen, dass sich am grundlegenden Muster von Produktion und Konsum möglichst wenig ändern muss. Ob und wann solche Versprechen tragen, ist eine andere Frage. Für unser Denken ist zunächst entscheidend, welche Funktion sie erfüllen: Sie erlauben uns, den Blick auf die Zukunft zu beruhigen, ohne die Gegenwart grundlegend verändern zu müssen.

    Das Muster ist nicht auf den Klimawandel beschränkt. 2008 habe ich es in einem anderen Zusammenhang erlebt. Ich bin weder Finanzwissenschaftler noch Börsenexperte. Aber aus allgemein zugänglichen Berichten über den amerikanischen Immobilienmarkt, die Überschuldung des Landes, nicht zuletzt aufgrund der Kriegskosten im Irak und in Afghanistan, sowie die daraus resultierenden Spannungen im Finanzsystem der USA verdichtete sich für mich im Frühjahr 2008 ein Bild: Ein schwerer Zusammenbruch der Börsen und des Finanzwesens war möglich und vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen durchaus plausibel.

    Manager einer österreichischen Großbank, mit denen ich darüber sprach, reagierten mit Kopfschütteln und Gelächter. Dennoch verkaufte ich im Mai 2008 die Wertpapiere, die ich damals besaß, den Warnungen der Bankexperten vor einem verlustreichen Fehler zum Trotz. Ich konnte nicht wissen, dass Lehman Brothers am 15. September Konkurs anmelden würde. Ich musste es auch nicht wissen. Die entscheidende Frage war, ob ein schwerer Zusammenbruch des Bankwesens vernünftigerweise ausgeschlossen werden konnte. Das konnte er nicht.

    Nach der Krise klang vieles trotzdem so, als sei eine Naturkatastrophe über die Finanzwelt hereingebrochen. „Damit konnte niemand rechnen“ ist eine praktische Formel. Sie verwandelt Fehleinschätzung in Schicksal und entlastet von der Frage, welche Warnsignale vorhanden waren und warum man sie nicht miteinander verbunden hatte.

    Der Sinn des Worst Case

    Hier liegt auch der Sinn des Worst Case. Der Worst Case ist keine Prognose. Er behauptet nicht, dass das ungünstigste denkbare Szenario eintreten wird. Er ist ein Denk- und Planungsmodell. Ein Statiker dimensioniert ein Tragwerk nicht ausschließlich für die durchschnittliche Belastung. Hochwasserschutz orientiert sich nicht am durchschnittlichen Wasserstand. Eine Versicherung kalkuliert nicht nur den durchschnittlichen Tag ohne Schaden. Wo das mögliche Versagen gravierende Folgen haben würde, muss ein ungünstiger, aber plausibler Verlauf Teil der Planung sein.

    Für den Klimawandel bedeutet das: Die Frage, ob eine bestimmte Temperatursteigerung im Jahr 2100 statistisch am wahrscheinlichsten ist, darf nicht die einzige Frage sein. Für vorsorgendes Handeln ist sie im Grunde auch nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, welche schlechteren Entwicklungen vernünftigerweise nicht ausgeschlossen werden können – und ob unsere Städte, Infrastrukturen, Landwirtschaft, Wasserversorgung, Energieversorgung und gesellschaftlichen Institutionen unter solchen Bedingungen noch funktionieren. Manchmal ist es einfach sinnvoll, eins und eins zusammenzuzählen.

    Das Nachdenken über einen ungünstigen Verlauf schadet auch dann nicht, wenn die tatsächliche Entwicklung milder ausfällt. Eine Stadt, die auf stärkere Hitze, längere Trockenperioden, Starkregen und Versorgungsstörungen vorbereitet ist, wird mit weniger extremen Veränderungen umgehen können. Worst-Case-Denken ist deshalb kein Katastrophismus. Es ist eine Methode, Robustheit herzustellen.

    Ebenso wenig muss man ein bestimmtes extremes Klimaszenario zum „wahrscheinlichsten“ erklären. Der Ausdruck „Business as usual“ ist hier ohnehin weniger als technische Bezeichnung für ein einzelnes Modell interessant als in seinem wörtlichen Sinn: Wir machen im Wesentlichen weiter wie bisher. Gerade dafür spricht eine enorme gesellschaftliche Trägheit. Morgen wird es kein völlig neues Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell geben. Konsum, Mobilität, Produktion und Energiebedarf werden nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Diese Trägheit gehört daher selbst zu den Risiken, die man in einem Worst-Case-Denken berücksichtigen muss.

    Zurück zu 2022

    2022. An diesem Punkt kehrt die Argumentation zu ihrem Ausgang zurück. Die Hitze, die Dürre und die außergewöhnlichen Gletscherverluste waren ein Teil des Bildes. Der Krieg in der Ukraine war ein weiterer. Er machte aus einer längst bestehenden Abhängigkeit von fossilen Energieträgern plötzlich eine Sicherheitskrise und zwang Staaten zu Entscheidungen, bei denen kurzfristige Versorgungssicherheit mit langfristigen Klimazielen kollidierte.

    Auch das Stromsystem zeigte seine Verletzlichkeit. Niedrige Wasserstände beeinträchtigten die Wasserkraft. In Österreich brach beispielsweise die Produktion von Flusskraftwerken temporär um etwa ein Drittel ein. In erneuerbare Energien wurde zwar massiv investiert, sie hätten aber die Verluste bei Weitem nicht kompensieren können.

    Und dann ist da noch die CO₂-Emissionskurve. Wie wir gesehen haben, stieg sie rasch wieder weiter und bis heute weit über den Wert von 2019, vor der Pandemie. Das ist zwar kein Beweis dafür, dass eine Energiewende grundsätzlich unmöglich wäre. Es ist aber ein starker Hinweis darauf, dass die bisherige Form der Transformation noch keinen empirischen Nachweis geliefert hat, die globale Entwicklung schnell genug und dauerhaft umzukehren.

    Man konnte 2022 nicht wissen, welche globale Durchschnittstemperatur im Jahr 2100 erreicht sein wird. Auch heute wissen wir das nicht. Man konnte auch nicht wissen, welche Rückkopplungen in welchem Ausmaß wirksam werden, wie sich Kriege, Migration, politische Instabilität oder technologische Entwicklungen gegenseitig beeinflussen werden. Man musste auch nicht behaupten, ein bestimmtes Worst-Case-Szenario werde mit Sicherheit eintreten.

    Aber man konnte und kann etwas anderes wissen: Wir haben trotz eines außergewöhnlich großen Wissensbestands keine bereits funktionierende, global wirksame Strategie vorzuweisen, die die Emissionskurve dauerhaft nach unten bringt. Und wir haben gute Gründe anzunehmen, dass die notwendigen Veränderungen weit tiefer reichen könnten als der Austausch einzelner Energieträger oder Technologien.

    Das ist für mich die entscheidende Erkenntnis des Jahres 2022.

    Nicht: Wir wussten, welche Katastrophe kommen wird. Sondern: Wir wussten genug, um die Möglichkeit massiver Disruptionen ernst nehmen zu müssen. Und wir wussten genug, um nicht darauf vertrauen zu dürfen, dass die Zukunft automatisch innerhalb jener Bandbreite bleibt, die für unsere heutige Lebensweise maßgeblich oder gar bequem wäre.

    Die Frage, die bleibt

    Damit verändert sich die Frage. Sie lautet nicht mehr nur: Wie verhindern wir jede denkbare Verschärfung des Klimawandels? Sie lautet auch: Wie schaffen wir eine Gesellschaft, die überleben und funktionieren kann, wenn sich die Entwicklung ungünstiger vollzieht, als wir hoffen?

    Diese Frage ist weniger beruhigend als ein Rettungsversprechen. Aber sie ist möglicherweise ehrlicher.

    Was wir wissen können, ist immer weniger als die Wirklichkeit.

    Aber es ist oft genug, um Verantwortung zu begründen.

    Quellen und weiterführende Literatur

    • IPCC, Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Kapitel 1 – zur Entwicklung der Klimawissenschaft und den physikalischen Grundlagen seit Fourier.
    • IPCC, Climate Change 2007: The Physical Science Basis, Kapitel 1 – historische Übersicht zu Fourier, Tyndall, Arrhenius, Callendar sowie Revelle und Suess.
    • Umweltbundesamt Deutschland, „Klima und Treibhauseffekt“ – zu Callendar (1938), Hermann Flohn (1941), den CO₂-Messungen 1957/58, Keeling (1958), der Warnung des US-Präsidentenbeirats 1965 und Villach 1985.
    • NOAA Global Monitoring Laboratory – zur Entstehung und Bedeutung der kontinuierlichen CO₂-Messungen am Mauna Loa ab 1958.
    • Donella H. Meadows, Dennis L. Meadows, Jørgen Randers und William W. Behrens III, „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ (1972), sowie Donella H. Meadows, Jørgen Randers und Dennis L. Meadows, „Grenzen des Wachstums – Das 30-Jahre-Update. Signal zum Kurswechsel“ (deutsche Ausgabe 2006; englisches Original 2004) – zur Systemperspektive, zu Wachstumsgrenzen, Overshoot und zeitverzögertem Handeln.
    • National Research Council / Jule Charney et al., Carbon Dioxide and Climate: A Scientific Assessment (1979) – zur frühen Abschätzung der Klimasensitivität.
    • UNFCCC – zur Klimarahmenkonvention 1992, zum Kyoto-Protokoll 1997 und zum Pariser Abkommen 2015.
    • IEA, Global Energy Review 2021, sowie CO₂ Emissions in 2022 – zum Emissionsrückgang 2020, zum Wiederanstieg 2021 und zum neuen Höchststand 2022.
    • IEA, Global Energy Review 2026, Abschnitt „CO₂ Emissions“ – zur weiteren Entwicklung der globalen energiebedingten CO₂-Emissionen bis einschließlich 2025.
    • Copernicus Climate Change Service, Seasonal review: Europe’s record-breaking summer (2022) – zu Hitze, Dürre, Bodenfeuchte und außergewöhnlich niedrigen Pegelständen der Flüsse in Europa.
    • Austrian Power Grid (APG), „Trockenheit reduziert Stromproduktion aus Wasserkraft um 31 Prozent“, 25. August 2022 – zu den Auswirkungen der Dürre auf die österreichische Wasserkraftproduktion im Sommer 2022.
    • IEA, World Energy Outlook 2022 – zu den energie- und sicherheitspolitischen Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine und zu den kurzfristigen Rückgriffen auf fossile Energieträger.
    • International Monetary Fund, Global Financial Stability Report, April 2008, sowie Financial Crisis Inquiry Commission, Final Report, 2011 – zu den damals bereits erkennbaren systemischen Finanzrisiken und den später dokumentierten Warnsignalen.

    Literarische Leseempfehlung

    • Ian McEwan, „Was wir wissen können“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes, Zürich 2025 (Original: „What We Can Know“, Jonathan Cape, London 2025) – ein literarischer Blick aus dem Jahr 2119 auf eine durch Klimafolgen veränderte Welt und auf die Frage, was spätere Generationen über unsere Gegenwart wissen können.