Wunschdenken und Realität

Klimaszenarien, Technikversprechen und der Fall Kronstorf

Wir verfügen heute über ein außerordentlich umfangreiches Wissen über den Klimawandel. Wir kennen die physikalischen Zusammenhänge, beobachten die steigenden Temperaturen, messen die Konzentration der Treibhausgase und dokumentieren die Veränderungen von Gletschern, Flüssen, Böden, Wäldern und Meeren. Wir kennen auch die Größenordnung der Aufgabe: Soll die Erwärmung begrenzt werden, müssen die globalen Treibhausgasemissionen in sehr kurzer Zeit massiv sinken.

Trotzdem wird in der öffentlichen Kommunikation immer wieder vermittelt, dass wir zur Bewältigung der Krise keinen Beitrag leisten müssten. Wir bleiben auf dem Pfad des Wachstums, der Wirtschaft und des Konsums. So wird nicht das Bild einer Gesellschaft vermittelt, die mit hoher Geschwindigkeit auf ein schwer beherrschbares, existenzielles Problem zuläuft, sondern das einer Gesellschaft, die sich einer grundsätzlich lösbaren Aufgabe gegenübersieht, für die bereits die richtigen Instrumente bereitstünden. Man müsse die beschlossenen Maßnahmen nur konsequent umsetzen, die richtigen Technologien fördern, die richtigen Investitionen tätigen und die vorgegebenen Ziele einhalten. Dann werde die Emissionskurve fallen. Und an Wohlstand, Gesundheit, Wachstum und Sicherheit werde sich nichts ändern.

Um diese Vorstellung zu nähren, werden Szenarien aus der Klimawissenschaft bemüht, deren Fakten und Voraussetzungen aber grundlegend umgedeutet. Das Problem beginnt dort, wo aus wissenschaftlichen Bedingungen, Modellrechnungen und Zielpfaden in der politischen und medialen Vermittlung eine Erzählung über eine wahrscheinliche Zukunft wird, die sich bei kritischer Prüfung als äußerst unwahrscheinlich herausstellt. Dann wird aus dem Satz „Die Emissionen müssten bis 2035 um 55 Prozent sinken“ in der Wahrnehmung leicht: „Wir werden die Emissionen bis 2035 um 55 Prozent senken.“ Damit stellt sich die Frage nach der intellektuellen und politischen Redlichkeit in der Klimadebatte.

Die Kurve, die fallen soll

Klimadiagramme zeigen häufig eine vertraute Form. Links verläuft eine gemessene Kurve aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Rechts wird sie in mehreren farbigen Linien fortgesetzt. Die Linien stehen für Szenarien. Manche steigen, andere verlaufen flacher, die ambitioniertesten knicken abrupt nach unten weg, bis hin zum Status “Netto-Null” oder “Klimaneutralität”. Problem gelöst.

Grafisch wirkt das selbstverständlich. Die Linie kommt aus der Vergangenheit und setzt sich in die Zukunft fort. Die Infografik soll auf einen Blick bestimmte Pfade der Krisenbewältigung verdeutlichen. In der Interpretation dieser eingängigen Diagramme geschieht jedoch etwas völlig anderes: Aus Modellrechnung wird Gewissheit. Aus theoretischen Pfadverläufen werden konkrete Entwicklungslinien. Dabei beschreibt der linke Teil zwar, was wir aus der Vergangenheit wissen und belegen können. Der rechte wird dagegen zum Beleg der Erreichbarkeit eines bestimmten Wunschziels umgedeutet.

Die Kurve fällt also nicht, weil die Emissionen fallen. Sie fällt, weil sie fallen soll.

Die reale Entwicklung sieht bislang anders aus. Laut dem Global Carbon Project werden die globalen fossilen CO₂-Emissionen für 2025 auf rund 38,1 Milliarden Tonnen geschätzt – erneut ein historischer Höchststand. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) hält gleichzeitig fest, dass die jährlichen Treibhausgasemissionen für einen mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbaren Pfad bis 2035 gegenüber 2019 um rund 55 Prozent sinken müssten. Unter den derzeit tatsächlich umgesetzten politischen Initiativen liegt die Projektion der durchschnittlichen globalen Erwärmung bis 2100 hingegen bei ungefähr 2,8 Grad.

Dabei darf nicht übersehen werden, dass dieser Durchschnittswert regional drastisch überschritten werden kann: So verzeichnen die Alpen durch kontinentale und topografische Effekte schon heute einen Temperaturanstieg von über 3 Grad. Außerdem sollten wir das Problem der Rückkopplungen und der Kipppunkte, die wir kaum korrekt modellieren können, stärker berücksichtigen. Für eine seriöse Risikoabschätzung müssen wir daher auch jene Entwicklungen mitdenken, die der Weltklimarat als „low-likelihood, high-impact outcomes“ beschreibt. Sie markieren keine physikalische Obergrenze, wohl aber einen Risikoraum, den wir nicht ausblenden dürfen. Gleichzeitig zeigen die systemischen World3-Szenarien (BAU/BAU2) des MIT bis heute eindringlich, dass ein ungebremstes „Weiter-wie-bisher“ in Overshoot-und-Collapse-Verläufe führen kann, wenn sich Ressourcen-, Umwelt- und Versorgungskrisen gegenseitig verstärken.

Der blinde Fleck der Linearität

Die Crux moderner Risikoanalysen liegt in ihrer methodischen Vorsicht. Um wissenschaftlich unangreifbar zu bleiben, neigen offizielle Berichte oft dazu, komplexe Erdsystemprozesse linear und isoliert zu betrachten. Dabei wird jedoch übersehen, dass die Natur kein mechanisches Uhrwerk ist, das auf politischen Knopfdruck anhält. Die geophysikalische und geopolitische Wirklichkeit ist geprägt von nichtlinearen Dynamiken und unvorhersehbaren Kaskadeneffekten: Der ungebremste Boom ressourcenintensiver Schlüsseltechnologien wie der Künstlichen Intelligenz treibt beispielsweise den globalen Strombedarf in unvorhergesehene Höhen, und das beschleunigte Auftauen von Permafrostböden droht die Natur selbst von einer Kohlenstoffsenke in eine gigantische Emissionsquelle zu verwandeln. Wer Risiken managen will, darf nicht nur vom linearen Regelfall ausgehen, sondern muss die Systemgrenzen in den Blick nehmen.

Unterschiedliche Zahlen und Projektionen aus Modellrechnungen und Klimaszenarien widersprechen einander nicht zwangsläufig – aber sie erzählen zwei vollständig verschiedene Geschichten. Die eine beschreibt die beobachtete Wirklichkeit, die andere die theoretische Voraussetzung dafür, ein politisch gesetztes Klimaziel überhaupt noch einhalten zu können, respektive den Rahmen des Risikos, den uns die fortschreitende Verschmutzung der Atmosphäre, der Böden und der Meere setzt. Problematisch wird es, wenn diese Unterscheidung in der öffentlichen und politischen Kommunikation verschwindet.

Gerade in den Jahren vor und um 2022 war die Formulierung weit verbreitet, das 1,5-Grad-Ziel sei noch „in Reichweite“, sofern die notwendigen Maßnahmen umgesetzt würden. Gleichzeitig war aus den Berichten von UNEP und UNFCCC längst bekannt, dass weder die nationalen Zusagen noch die tatsächlich umgesetzten Maßnahmen dafür ausreichten. Beides konnte damals gleichzeitig wahr sein: Das Ziel war unter extrem anspruchsvollen Bedingungen mathematisch noch modellierbar – während sich die reale Entwicklung bereits auf einem völlig anderen Pfad bewegte.

Die Wahrheit des Gesamtbildes

Täuschung muss nicht darin bestehen, dass einzelne Zahlen falsch sind. Sie kann auch dadurch entstehen, dass viele richtige Einzelinformationen zu einem falschen Gesamtbild zusammengesetzt werden. Ein Ziel ist richtig berechnet. Eine technische Maßnahme funktioniert. Eine neue Anlage ist effizienter als eine alte. Eine Photovoltaikanlage erzeugt tatsächlich erneuerbaren Strom. Ein Unternehmen kann seinen Stromverbrauch bilanziell mit erneuerbarer Energie abdecken. Jede dieser Aussagen kann für sich genommen stimmen – und trotzdem kann die Summe der richtig erscheinenden Maßnahmen den Ressourcenverbrauch und die Emissionen weiter erhöhen.

Genau hier liegt das Kommunikationsproblem: Wir sprechen gerne über Effizienz, aber seltener über den absoluten Ressourcenverbrauch. Wir sprechen über den Anteil erneuerbarer Energien, aber weniger darüber, wie stark der gesamte Energiebedarf wächst. Wir sprechen über Klimaneutralität in einem zukünftigen Jahr, immer mit der Suggestion im Hintergrund, wir hätten noch ein Emissionsbudget, das wir verbrauchen können. Was wir allerdings nicht zur Kenntnis nehmen, ist die Tatsache, dass die globalen Emissionen bislang nicht sinken und aus der bisherigen Entwicklung kein Rückgang in naher Zukunft abzulesen ist. Zugleich fantasieren wir über technologische Lösungen, ohne uns bewusst zu machen, dass auch diese zusätzliche Ressourcen benötigen werden.

Das ist keine Kritik daran, dass Szenarien gerechnet oder technologische Möglichkeiten untersucht werden. Wissenschaft muss Möglichkeiten beschreiben. Politik muss Ziele formulieren. Problematisch wird es, wenn Möglichkeit, Ziel und wahrscheinliche Entwicklung in der Kommunikation unscharf ineinanderfließen. Dann entsteht aus einer Wenn-dann-Aussage das Narrativ einer verfälschenden Beruhigung: Es gibt einen Weg, also werden wir ihn vermutlich gehen.

Auch die Wissenschaftskommunikation ist von diesem Problem nicht ausgenommen. Wissenschaftliche Ergebnisse werden für politische Prozesse verkürzt, in Zielpfade übersetzt und auf Botschaften reduziert, die handlungsfähig machen sollen. Das ist teilweise notwendig. Es stellt sich aber die Frage, ob dabei jene kritische Distanz verloren geht, die für eine realistische Einschätzung der Lage entscheidend wäre. Die heutige Kommunikationsstruktur belohnt Aussagen, die politisch anschlussfähig sind – und lässt sie leichter zirkulieren als das ehrliche Bekenntnis, dass ein gesetztes Ziel aufgrund der realen Entwicklung schlicht nicht mehr erreichbar ist.

Technik als Rettungserzählung

Der Optimismus der Klimakommunikation beruht häufig auf einer stillen Voraussetzung: Das bestehende Wirtschafts- und Wachstumsmodell soll im Wesentlichen fortbestehen können. Lediglich die Energiequelle wird getauscht, um Prozesse effizienter zu gestalten. Der Verkehr wird elektrifiziert, die Industrie dekarbonisiert. Wir sanieren unsere Gebäude und setzen auf erneuerbare Energien. Das wird in der politischen Kommunikation mit dem Versprechen „grüner Jobs“ verbunden. Gleichzeitig entstehen allerdings neue Anwendungen, neue Produkte, neuer Konsum und Infrastrukturen, die wiederum massiv Energie und Rohstoffe benötigen.

Die gegenwärtige Erzählung von der Künstlichen Intelligenz macht diesen Widerspruch besonders sichtbar. KI wird einerseits als Werkzeug zur Lösung komplexer Probleme beworben – gleichsam als Rettungsmythos nach dem Verfehlen der Pariser Klimaziele. Andererseits benötigt sie Rechenzentren und damit Energiemengen, Stromnetze, Wasser, Bauflächen und technische Anlagen in einer Größenordnung, die selbst zu einem neuen Infrastrukturproblem werden.

2026 liegen österreichweit bereits Netzanschlussanfragen von Rechenzentren mit einer Leistung von über 6.000 Megawatt vor. Diese Anschlussleistung könnte bei entsprechender Realisierung und unter Berücksichtigung der für Rechenzentren typischen, sehr hohen Auslastung (ca. 60 bis 90 % der Zeit) einen konkreten Stromverbrauch von rund 29 bis 48 Terawattstunden pro Jahr bedeuten. Die Rechenzentren würden dann allein 43 % bis 72 % des gesamten aktuellen österreichischen Stromverbrauchs verschlingen. Selbst wenn nur ein Teil dieser Projekte realisiert wird, fordert dieser immense Hunger nach Energie das System fundamental heraus und macht das Narrativ von der gelingenden Bewältigung der Klimakrise und vom Ausstieg aus fossilen Energien unglaubwürdig.

Die Größenordnung, in der neuer Strombedarf angemeldet wird, verändert eine wesentliche Perspektive, mit der wir auf die Klimakrisenbewältigung blicken müssen. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob Österreich rein rechnerisch genügend erneuerbaren Strom erzeugen kann. Es geht vielmehr darum, wofür dieser Strom in Zukunft verwendet werden soll – und wer darüber entscheidet.

Der Fall Kronstorf

Das Google-Rechenzentrum im oberösterreichischen Kronstorf ist für diese Frage ein aufschlussreicher Fall. In der aktuellen Auseinandersetzung zu diesem Projekt ist der erhebliche Verbrauch von Boden, Strom und Wasser zwar entscheidend. Aufschlussreich im Kontext der Kommunikation von Umweltproblemen ist jedoch auch, wie ein Projekt dieser Größenordnung öffentlich begründet und von den politischen Entscheidungsträgern argumentiert wird: nicht als Krisenfall für Natur und Energieversorgung, sondern als Investition in die Zukunft, als Stärkung des Technologiestandorts und als wirtschaftlicher Gewinn für die Region.

Wie die ORF-Dokumentation „Dok1: Google an der Enns – Der Streit ums Rechenzentrum“ von Hanno Settele verdeutlicht, erweisen sich diese Versprechen in wesentlichen Punkten als Wunschdenken. In Bezug auf Umweltverträglichkeit, Wertschöpfung und die Verhandlungen mit Google zeigt der Film die Intransparenz auf, mit der Projekte dieser Art an den Interessen der Menschen vorbei durchgesetzt werden. Was über Gutachten, Grundstücksverkauf und Genehmigungen bekannt wird, wirft die Frage auf, ob öffentliche Interessen, Gemeinwohl und regionale Versorgungssicherheit gegenüber den Interessen des Konzerns ausreichend eigenständig vertreten wurden.

Durch das Rechenzentrum werden weder der angedachte Technologie-Campus noch in größerem Ausmaß Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung entstehen, meinen Experten gegenüber Hanno Settele. Auch bei der Abwärmenutzung ist die technische Möglichkeit zwar vorgesehen; Umfang, konkrete Abnehmer und tatsächlicher regionaler Nutzen sind jedoch offen.

Clemens Wasner, Mitgründer und CEO des Wiener KI-Unternehmens enliteAI und in AI Austria engagiert, formuliert den entscheidenden Unterschied sehr klar: das Investitionsvolumen ist nicht mit lokaler Wertschöpfung gleichzusetzen. Ein Rechenzentrum ist für global agierende Firmen von Bedeutung, macht aber die Standortgemeinde selbst nicht unbedingt zu einem Zentrum technologischer Wertschöpfung. Nach der Realisierung des Bauwerks bleiben einzelne Arbeitsplätze vor Ort. Die Leistung der Anlage selbst, die darauf aufbauenden Dienste sowie der überwiegende Teil der daraus entstehenden wirtschaftlichen Erträge gehören dagegen zur Wertschöpfung des Betreibers. Die räumliche Nähe zu einer großen Serverhalle allein ist für Start-ups, Forschungseinrichtungen und neue Unternehmen kein hinreichender Standortfaktor; sie siedeln sich nicht allein deshalb in einer Region an, weil dort ein Hyperscaler Rechenleistung bereitstellt. Dafür bräuchte es eine komplexere Strategie der regionalen Entwicklung, durch die Wissen, Unternehmen und wirtschaftliche Aktivitäten tatsächlich am Standort verankert werden.

Das Versprechen vom „Technologiestandort“ lässt sich damit im Fall von Kronstorf als Extraktionsmodell lesen.

Wasner zieht im Film an dieser Stelle einen bemerkenswerten Vergleich mit dem Bergbaukonzern Rio Tinto. Er verweist damit auf bestimmte Strategien der globalen Rohstoffwirtschaft: Rohstoffe werden dort gewonnen, wo man der Bevölkerung vor Ort aufgrund von strukturellen Schwächen, politischer Korruption, autoritären Machtverhältnissen Landschaftseingriffe, Ressourcenverbrauch und ökologische Belastungen aufzwingen kann, während ein erheblicher Teil der nachgelagerten Wertschöpfung anderswo stattfindet.

Auf Kronstorf übertragen setzt sich der „Rohstoff“ aus Boden, Wasser, elektrischer Energie und Netzkapazität zusammen. Diese Voraussetzungen sind unvermeidlich lokal. Der daraus entstehende ökonomische Mehrwert ist es nicht. Genau deshalb reicht es nicht, die Milliardenhöhe einer Investition als Beleg für einen regionalen Nutzen anzuführen. Entscheidend wäre vielmehr, welcher Teil dieses Nutzens langfristig als Einkommen, Steuereinnahmen, Wissen, Unternehmensgründungen und wirtschaftliche Eigenständigkeit in der Region verbleibt.

Damit erhält auch die Kommunikationsfrage eine andere Dimension. Wenn von einer „Stärkung der Region“ oder einem neuen „Technologiestandort“ gesprochen wird, müsste gleichzeitig offengelegt werden, worin diese Stärkung konkret besteht und wie sie sich gegenüber dem dauerhaften Zugriff auf Boden, Wasser, Energie und Infrastruktur bemisst. Andernfalls kann das positive Zukunftsbild gerade jene Asymmetrie verdecken, die für das Projekt entscheidend sein dürfte: Die materiellen Voraussetzungen werden lokal bereitgestellt, die wesentliche wirtschaftliche Verwertung findet jedoch anderswo statt.

Extraktivismus: Der Ort als Ressource

Extraktivismus bezeichnet ein Wirtschaftsmodell, das auf der intensiven Entnahme und Verwertung von Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen beruht. In Lateinamerika wird der Begriff seit Langem für großmaßstäblichen Bergbau, Erdölförderung und andere Formen der Ressourcenausbeutung verwendet, lässt sich aber weiter fassen. Auch die industrialisierte Ausbeutung von Fischbeständen für globale Exportmärkte kann unter diesem Begriff betrachtet werden. Gemeint ist eine Wirtschaftsweise, die einen Ort vor allem danach bewertet, was sich ihm entnehmen lässt. Naomi Klein, die den Begriff in „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ (2014) prominent aufgriff, nennt die pazifische Insel Nauru als drastisches Beispiel: Phosphat wurde großflächig abgebaut und exportiert, während die ökologische Zerstörung auf der Insel zurückblieb.

Der von Wasner verwendete Rio-Tinto-Vergleich überträgt diese Logik auf die asymmetrische Beziehung zwischen dem Google-Konzern und dem Land Oberösterreich: Der Standort stellt knappe, physisch gebundene Ressourcen bereit; die höherwertige Nutzung dieser Ressourcen ist räumlich entkoppelt und Teil einer globalen Ökonomie. Der Boden wird versiegelt, Wasser dem Flusssystem der Enns entnommen, elektrische Leistung und Netzinfrastruktur werden für einen einzelnen Großverbraucher verfügbar gemacht. In welchem Ausmaß daraus dauerhafte ökologische Schäden entstehen, ist Gegenstand der Auseinandersetzung mit der kritischen Öffentlichkeit. Unstrittig ist hingegen, dass die Inanspruchnahme von Boden, Wasser, elektrischer Leistung und Netzinfrastruktur am Standort erfolgt, während die daraus entstehende digitale Wertschöpfung nicht an Kronstorf gebunden ist.

Kronstorf lässt sich als Spielart von postfossilem Extraktivismus interpretieren, bei dem es nicht um den Abbau jener schmutzigen Rohstoffe geht, deren ökologische Folgen wir in der Regel dem Globalen Süden aufbürden, sondern um Ausbeutung von Ressourcen und Infrastruktur zum Vorteil der Tech-Industrie, deren Geschäftsmodell im Kontext von KI mit der Rettungserzählung zum Klimawandel verknüpft wird. Damit wird die Option einer technischen Lösung des Klimaproblems zum notwendigen und entscheidenden Argument. Verschwiegen wird allerdings, dass die Investition in keinem nachvollziehbaren, vernünftigen Verhältnis zu jenen Ressourcen steht, die dadurch auf Jahrzehnte gebunden und unwiederbringlich verändert werden.

In Bezug auf die politische Kultur in Oberösterreich stellt sich damit eine weiterführende Frage: Beginnt der extraktive Vorgang nicht bereits vor der Versiegelung von Boden, der Entnahme von Wasser oder dem Verbrauch von Strom, sondern mit der politischen Entscheidung, einen Ort, seinen Boden und seine Infrastruktur für eine solche Nutzung verfügbar zu machen? Entscheidend ist dann, in welchem Maß Gemeinwohlinteressen, ökologische Grenzen und langfristige regionale Bedürfnisse in dieser Entscheidung tatsächlich Gewicht erhalten.

Raumplanung als Vorstufe der Extraktion

Das Gelände in Kronstorf wurde bereits lange vor dem heutigen Baubeginn als Betriebsgebiet vorgesehen. Wie bei vielen Betriebs- und Gewerbeflächen in den Randzonen ländlicher Gemeinden sind die Entscheidungsgrundlagen der Raumplanung kritisch zu hinterfragen und langfristige Vorentscheidungen auf ihre aktuelle Relevanz zu prüfen. Das Raumordnungsrecht wird dabei immer wieder zum Spielfeld partikularer Interessen, Spekulation, Korruption und politischer Kurzfristlogik. Ein Beschluss hinter verschlossenen Türen kann die Bedeutung und Funktion des Bodens grundlegend verändern: Aus Ackerland wird eine für industrielle oder gewerbliche Nutzung vorgehaltene Fläche. Jahre später wird die konkrete Bebauung dann als selbstverständlich und rechtmäßig argumentiert – der Boden sei schließlich längst dafür gewidmet. Eine direkte Zustimmung der betroffenen Bevölkerung ist nicht vorgesehen. Entscheidungen fallen zu oft im Sinne der Wachstumslogik von Wirtschaft und Industrie, kaum im Sinne von Nachhaltigkeit, Qualität der gebauten Umwelt und generationenübergreifendem Denken.

Gerade deshalb lohnt es sich, Raumplanung nicht nur als technisches Verwaltungsverfahren zu betrachten. Sie umfasst die Festlegung von Zukunftsmöglichkeiten. Entscheidungen dieser Tragweite ohne Berücksichtigung von Gemeinwohl, Naturschutz und Nachhaltigkeit sind fahrlässig. Bei großmaßstäblichen Projekten stellt sich die Frage, ob Widmungsprozesse jene demokratische Auseinandersetzung zulassen, die der Tragweite solcher Entscheidungen entspricht.

Kronstorf lässt sich damit auch als Beispiel für ein strukturelles Versagen von Raumplanung und Ortsentwicklung lesen: Betriebsansiedlungen gelten grundsätzlich als Erfolg, während Bodenverbrauch, zusätzlicher Verkehr, Infrastrukturfolgen und langfristige Abhängigkeiten erst nachgeordnet bewertet werden. Das ist ein anachronistisches Konzept. Seit Jahrzehnten entstehen in vielen österreichischen Gemeinden an Ortsrändern neue Betriebs- und Handelsflächen. Zersiedelung, Verkehrsprobleme, Zerstörung von Landschaft und landwirtschaftlicher Böden sind die Folge, während die Ortszentren veröden. Die kommunale Konkurrenz um Betriebsansiedlungen begünstigt strukturell eine Form von Flächenverbrauch, deren ökologische und räumliche Folgen nicht dort bilanziert werden, wo die wirtschaftlichen Vorteile erscheinen. Mit bewusster Ortskernentwicklung versucht man inzwischen gegenzusteuern, um die längst bekannten Fehlentwicklungen zurückzunehmen.

Wer verfügt über die Zukunft?

Solange genügend Energie vorhanden ist, erscheint ein neuer Großverbraucher bloß als technische Herausforderung des Netzausbaus. Auch das stellt ein ungelöstes Problem im Kontext von Genehmigungen, Zumutbarkeit und Teilhabe an Entscheidungsprozessen dar. Wer wird entscheiden, welche Schneisen in die Landschaft rund um Kronstorf geschlagen werden, um für die erforderlichen Kapazitäten an Energie die entsprechende Infrastruktur zu installieren?

Und wer entscheidet, ob das Rechenzentrum in Kronstorf nicht doch auch ein eigenes Kraftwerk braucht? Da wir vorhaben, praktisch zeitgleich alles vom Verkehr bis zu privatem und industriellem Energiebedarf auf erneuerbare Quellen umzurüsten, bleibt abzuwarten, wie wir die notwendigen Kapazitäten bereitstellen, wenn neben der Versorgung konventioneller Verbraucher auch immer neue digitale Infrastrukturen zusätzliche Nachfrage erzeugen.

Es ist denkbar, dass die über Jahrzehnte kollektiv finanzierten Netze in absehbarer Zukunft zunehmend von industriellen Großverbrauchern beansprucht werden, während privaten Haushalten gleichzeitig nahegelegt wird, ihren Verbrauch zu reduzieren und einen wachsenden Teil ihres Bedarfs selbst zu erzeugen. Nicht weil jemand diesen Zustand heute ausdrücklich plant, sondern weil Investitionen von heute und wirtschaftliche Abhängigkeiten morgen eine politische Realität formen können, die uns eine Priorisierung von Ressourcen aufzwingt. Das ist keine Prognose, sondern ein Gedankenexperiment über die Prioritäten, die heutige Infrastrukturentscheidungen für morgen festschreiben können. Wenn Energie in Zukunft knapp oder saisonal nur begrenzt verfügbar sein sollte: Was hat dann Priorität? Haushalte? Krankenhäuser? Öffentlicher Verkehr? Industrie? Rechenzentren? Und nach welchen Kriterien werden diese Prioritäten festgelegt?

Der Ausbau des Stromnetzes ist für den Bau einer postfossilen Infrastruktur notwendig. Aber daraus folgt nicht, dass jede zusätzliche Nachfrage automatisch denselben gesellschaftlichen Rang besitzt. Zukunftsfähigkeit verlangt daher nicht nur eine Debatte darüber, ob ein Anschluss technisch möglich ist, sondern welche Nutzungen einer knappen Ressource gesellschaftlich sinnvoll sind.

Die eigentliche Kommunikationskrise

Die Klimakommunikation erzählt uns häufig von einer Zukunft, in der Wachstum, steigender Energiebedarf, Digitalisierung und Klimaneutralität gleichzeitig möglich sein sollen. Für jedes einzelne Problem gibt es eine technische Antwort: mehr erneuerbare Energie, leistungsfähigere Netze, effizientere Rechenzentren, bessere Kühltechnik, Abwärmenutzung, Ausgleichsflächen. Was dabei selten sichtbar und kritisch geprüft wird, ist die Größenordnung an erneuerbarer Energie, die wir zur Verfügung haben müssen, um diese Pläne umzusetzen.

Vielleicht besteht die eigentliche Schönfärberei deshalb nicht in einer offensichtlich falschen Behauptung. Sie besteht in einer Kommunikationsform, die jede Entwicklung für sich optimiert und dadurch die Systemfrage vermeidet. Eine neue Anlage kann effizient sein und den absoluten Stromverbrauch trotzdem erhöhen. Eine Ausgleichsfläche kann ökologisch gestaltet sein und eine Bodenversiegelung trotzdem nicht rückgängig machen. Ein Klimaziel kann mathematisch erreichbar sein und politisch trotzdem immer weiter außer Reichweite geraten.

Wir lassen uns dadurch eine Zukunft erzählen, in der bei isolierter Betrachtung technischer Lösungen keine Widersprüche mehr sichtbar werden. Vielleicht müssen wir stattdessen wieder lernen, Probleme gleichzeitig und in ihren Wechselwirkungen zu betrachten.

Was wir wissen können, war die Frage des ersten Beitrags. Die nächste Frage lautet: Was machen wir mit diesem Wissen, wenn zwischen der Wirklichkeit und unserer Vorstellung von ihr eine immer aufwendigere Erzählung gelegt wird?

Vielleicht ist die wichtigste Aufgabe einer ehrlichen Klimakommunikation, Unterschiede sichtbar zu machen: zwischen Ziel und Entwicklung, zwischen Effizienz und Verbrauch, zwischen lokalem Nutzen und globaler Wertschöpfung, zwischen technischer Möglichkeit und gesellschaftlicher Priorität.

Erst wenn diese Unterschiede sichtbar sind, können wir über Zukunft sprechen, ohne sie uns vorweg schönzureden.

Quellen und weiterführende Literatur

Onlinequellen zuletzt geprüft am 23. September 2026.

  • UN Environment Programme (UNEP), Emissions Gap Report 2025: Off Target, 4. November 2025 – zu den für 2035 erforderlichen Emissionsminderungen (35 % für 2 °C, 55 % für 1,5 °C gegenüber 2019) und zur Temperaturprojektion von rund 2,8 °C unter derzeitigen Politiken. Online
  • Friedlingstein et al., Global Carbon Budget 2025, Earth System Science Data 18 (2026) – zur Entwicklung der globalen fossilen CO₂-Emissionen und zur Projektion von 38,1 Gt CO₂ für 2025. Online / DOI
  • GeoSphere Austria, Informationsportal Klimawandel, „Lufttemperatur“ – zur Erwärmung Österreichs seit vorindustrieller Zeit (3,1 °C gegenüber 1,4 °C im globalen Mittel, Stand 2024/25). Online
  • IPCC, Climate Change 2021: The Physical Science Basis, Summary for Policymakers, Abschnitt C.3.2, sowie Kapitel 5 – zu „low-likelihood, high-impact outcomes“, Kipppunkten und biogeochemischen Rückkopplungen einschließlich Permafrost. SPM · Kapitel 5
  • Gaya Herrington, „Update to limits to growth: Comparing the World3 model with empirical data“, Journal of Industrial Ecology 25 (2021), 614–626, sowie C. Nebel et al., „Recalibration of limits to growth: An update of the World3 model“, Journal of Industrial Ecology (2024) – zu den World3-Szenarien BAU/BAU2, Overshoot und den empirischen Vergleichen. Herrington 2021 · Nebel et al. 2024
  • UNEP, Emissions Gap Report 2022: The Closing Window, 27. Oktober 2022 – zur damals bereits dokumentierten Lücke zwischen tatsächlicher Entwicklung, Klimazusagen und 1,5-Grad-Pfad. Online
  • UNFCCC, Nationally determined contributions under the Paris Agreement. Synthesis report by the secretariat, FCCC/PA/CMA/2022/4, 26. Oktober 2022 – zur Gesamtheit der damals vorliegenden nationalen Klimabeiträge. Online
  • Europäische Kommission, „Statement by European Commission President Ursula von der Leyen on the outcome of COP26“, 15. November 2021 – als Beispiel für die politische Formel, 1,5 °C bleibe „within reach“. Online
  • Forum Versorgungssicherheit, „Datacenter und Digitalisierung: Grundlage für den Betrieb sind starke Netze“, 3. September 2026 – zu Anschlussanfragen für Rechenzentren von fast 6.000 MW bei Netzbetreibern in Oberösterreich, Niederösterreich, Wien und dem Burgenland sowie zur Unsicherheit über deren tatsächliche Realisierung. Online
  • ORF, Dok 1: „Google an der Enns – Der Streit ums Rechenzentrum“, Hanno Settele, Erstausstrahlung 16. September 2026 – zur öffentlichen Auseinandersetzung um Ressourcenverbrauch, Transparenz und regionalen Nutzen des Projekts. Sendungsseite · ORF ON
  • ORF.at, „Debatte über Google-Zentrum verschärft sich“, 17. Juli 2026 – zu Strom- und Wasserbedarf, Umweltfragen und dem Konflikt um die fehlende UVP. Online
  • ORF Oberösterreich, „Anträge auf Google-Ausbau in Kronstorf eingereicht“, 28. Juli 2026 – zur zweiten Ausbaustufe, zur Kommunikation des Ausbaus und zu den Angaben der Landespolitik. Online
  • Clemens Wasner, LinkedIn-Beitrag „AI Austria back on TV: ‘Google an der Enns’ or do we need local compute?“, September 2026 – zur Unterscheidung von Investitionsvolumen und lokaler Wertschöpfung und zur Aussage, dass räumliche Nähe zu einem Rechenzentrum nicht automatisch ein Technologie-Ökosystem schafft. Direkt zum Beitrag
  • Andreas Greilhuber, LinkedIn-Beitrag „EnliteAI CEO comparing Google with Rio Tinto extracting Austrian Energy resources“, September 2026 – als öffentlich auffindbare Bestätigung des im Dok-1-Gespräch verwendeten Rio-Tinto-Vergleichs. Direkt zum Beitrag
  • Google, „Google Rechenzentrum in Oberösterreich“ – Unternehmensangaben zu Arbeitsplätzen, regionaler Wertschöpfung, Energie, Wasser, Ausbau, Nachhaltigkeit und Abwärmenutzung. Projektseite
  • Oö. Raumordnungsgesetz 1994, §§ 33 und 34, tagesaktuelle Fassung – zu Kundmachung und Beteiligung im Gemeindeverfahren sowie zur Beschlussfassung und aufsichtsbehördlichen Genehmigung. § 33 · § 34
  • Umweltbundesamt / ÖROK, Monitoring Flächeninanspruchnahme und Versiegelung – zu Bodenverbrauch, Versiegelung, Betriebsflächen und den raumplanerischen Anforderungen an Innenentwicklung und Schutz produktiver Böden. Umweltbundesamt · ÖROK
  • Naomi Klein, Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima, S. Fischer, Frankfurt am Main 2015 (Original: This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate, Simon & Schuster, New York 2014) – zum Begriff des Extraktivismus und zum Beispiel Nauru. Verlagsseite